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Helden der IT

When Sergey met Larry.

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Unsere heutigen Helden der IT, Larry Page und Sergey Brin, gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Das kommt nicht von ungefähr, haben die beiden doch einen entscheidenden Fortschritt für Web-Suchmaschinen entwickelt. Und dadurch mal eben das WWW zugänglich gemacht, eines der wertvollsten Unternehmen gegründet und komplette Branchen und Berufszweige ermöglicht. Hier die Geschichte, wie es dazu kam.

Sergey Brin und Larry Page

Oben steht zwar, wer das hier ist, aber Sie können es auch googlen. Links: der junge Brin, rechts: der junge Page. (Bilder: Wikimedia Commons)

Go West!

Dass Sergey Brin einer der erfolgreichsten Unternehmensgründer und reichsten Männer der Welt werden konnte, lag maßgeblich an einer folgenschweren Entscheidung seiner Eltern. Er kam nämlich 1973 nicht mal in der Nähe des Sonnigen Kaliforniens und der amerikanischen IT-Industrie zur Welt, sondern im Machtzentrum der damaligen Sowjetunion: Moskau. Für ihn war es also ein langer Weg ins Silicon Valley.

Brins Vater Michael war damals Professor für Mathematik an der Staatlichen Universität Moskau, seine Mutter forschte als Ingenieurin an der Universität für Erdöl und Gas. Die beiden entschieden sich 1978, einen offiziellen Ausreiseantrag zu stellen, da ihre Karriereaussichten in der Sowjetunion durch ihre Herkunft äußerst begrenzt waren. Als Juden mussten sie einige Hürden überwinden, um überhaupt an der Universität akzeptiert zu werden und sahen sich dort Diskriminierungen wie härterer Benotung und separaten Prüfungen ausgesetzt. Zudem konnten sie ihre Studienfächer nicht frei wählen. Seine große Liebe, die Astronomie, blieb Michael Brin aufgrund seines Glaubens verwehrt, wie alle anderen Fachrichtungen der Physik auch. Das Studium überhaupt zu absolvieren, verlangte den Brins zusätzlichen Einsatz und persönliche Beziehungen ab. So schlich sich Michael Brin heimlich in Vorlesungen, setzte seine Studien abends nach seinem Job zu Hause fort und konnte seine Doktorarbeit nur mit zwei Fürsprechern einreichen.

Aber auch in akademischen Berufen angekommen, waren den Entfaltungsmöglichkeiten jüdischer Sowjetbürger Grenzen gesetzt. Familie Brin machte dadurch oft harte Zeiten durch, auch wenn ihr Leben für sowjetische Verhältnisse gehoben war und sich die institutionelle Diskriminierung nicht im Alltag bemerkbar machte. Eine Drei-Zimmer-Wohnung mitten in Moskau für drei Generationen bedeutete Mittelschicht; viel mehr hatte die junge Familie vom sowjetischen System aber auch nicht zu erwarten. Ein Jahr nach Antragstellung für die Ausreise (und nachdem beide Elternteile aufgrund dessen ihre Jobs verloren hatten) durften die Brins dann die UdSSR verlassen – Ziel: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Flagge Marylands

Just for context: Die Flagge von Maryland – so hässlich, fast schon wieder hübsch. (Bild: Wikimedia Commons)

Als solches sollte es sich für die Brins auch erweisen, allen voran natürlich für Sergey. Nach kleinen Umwegen über Wien und Paris ließ die Familie sich mit der Hilfe der Hebrew Immigrant Aid Society schließlich in der Nähe der University of Maryland nieder, wo Brins Vater eine Anstellung als Mathematikprofessor antrat. Frau Brin zog es wieder in die Forschung, genauer gesagt an das nahegelegene NASA Goddard Flight Center.

Geek, Rebell, Elitestudent

Klein-Sergey wurde prompt auf die lokale Montessori-Schule geschickt, wo er dank des entsprechenden pädagogischen Ansatzes bereits erste Babyschritte als scharfsinniger Freigeist gehen konnte. Zudem erhielt Brin zuhause zusätzlichen Wissensinput von seinen hochgebildeten und technikaffinen Eltern. Dazu zählte auch das Geschenk zu seinem neunten Geburtstag: ein Commodore 64. Der Junge war gleich begeistert von den Möglichkeiten des Computers und vertiefte sich schnell in die Welt der Programmierung. Der eingebaute BASIC-Interpreter des C64 (von Bill Gates entwickelt) machte den Einstieg damals relativ leicht, und so versuchten sich Sergey und seine Freunde in den folgenden Jahren an Projekten wie einem Konversationsprogramm. Ambitionen hatte Sergey Brin wohl schon als Kind und ihm wurde das Umfeld bereitet, sie auch auszuleben.

In seiner Jugend wurde aus dem Wunderkind ein Rebell. So nahm ihn sein Vater 1990 im Rahmen einer Konferenz mit nach Moskau. Unter dem Eindruck trostloser Betonarchitektur, leerer Ladengeschäfte und autoritärer Sicherheitskräfte wurde ihm vielleicht bewusst, welchem Leben er entgangen war. Die Legende besagt, dass er dort ein Polizeiauto spontan mit Kieseln bewarf, was die sowjetischen Polizisten durchaus erzürnte – Brins Eltern gelang es aber, die Ordnungskräfte zu beruhigen. Es wird kolportiert, dass der junge Sergey seinem Vater anschließend besonderen Dank für die zeitige Ausreise aus der UdSSR entgegen brachte.

Abseits derlei Eskapaden war der frühe Brin wohl ein ruhiger, angenehmer junger Mann, der seine Zeit mit allem verbrachte, was den Nerd- und Geek-Index in den 90ern so in die Höhe trieb. So spielte und verfasster er “Multi User Dungeons”, textbasierte Rollenspiele, die auf zentralen Servern liefen und verbrachte mit seinen Freunden viel Zeit in den frühen Chat-Rooms und Web-Foren. 1993 war er ein Early Adopter des brandneuen Mosaic Browsers, was seine Begeisterung für das junge Internet in neue Sphären hob. High-School und College (University of Maryland) schloss er nebenbei jeweils in drei Jahren ab. Danach erlangte er für seine weitere akademische Ausbildung ein Stipendium an der Elite-Uni in Stanford, ganz in der Nähe von Palo Alto. Sergey Brins Weg hatte ihn also ins Silicon Valley geführt. Geschuldet war dies auch der Tatsache, dass das MIT am anderen Ende des Landes ihn abgelehnt hatte. Kurz nach seiner Ankunft sollte er einen weiteren hellen Geist kennenlernen, auf den das gleiche zutraf. Was eine doppelter Verlust für das MIT wurde, sollte zu einem Gewinn für die moderne Welt werden.

Google Maps: Entfernung von Moskau nach Michigan

Die Achse des Sei-nicht-bösen. Die Entfernung von Michigan und Moskau: Knapp 8.000 km. (Screenshot: Google Maps)

Der Apfel fällt nicht weit vom Geek.

Larry Page kam im selben Jahr wie Sergey Brin zur Welt. Allerding grob 7.788 km entfernt in East Lansing, Michigan, USA – auch er als Sohn eines Professors. Sein Vater lehrte Computerwissenschaften an der Michigan State University. Er hatte in der Disziplin promoviert, als diese noch in den Kinderschuhen steckten. Auch Pages Mutter gab Programmierkurse an Hochschulen in der Region – die IT wurde ihm geradezu in die Wiege gelegt.

Genau wie Brin besuchte er eine Montessori-Schule und wurde maßgeblich vom Ansatz des Selberdenkens und der Selbstmotivation geprägt. Und genau wie Brin hatte auch er bereits in sehr jungen Jahren Zugang zu einem Heimcomputer. Als Larry Page sechs Jahre alt war, brachte Papa Page einen Exidy Sorcerer mit nach Hause. Klein-Larry nahm sich des neuen “Spielzeugs” schnell an und nutzte es sogar für seine Hausaufgaben. So reichte er als wohl erstes Kind seiner Grundschule textverarbeitete Aufgaben ein. Saß er mal nicht am Computer, übte er eifrig am Saxofon und brachte es damit sogar bis in ein renommiertes Kunst- und Musik-Sommercamp.

Seine Eltern nahmen ihn und Bruder Carl regelmäßig mit auf Fachkonferenzen, wo er mit Themen wie Künstlicher Intelligenz in Berührung kam. Das fruchtete nicht nur bei ihm. Noch bevor Larry Page gemeinsam mit Sergey Brin Google gründen sollte, verkaufte sein Bruder eine frühe Basis für ein soziales Netzwerk für mehrere hundert Millionen USD an Yahoo. Auch Larry verband früh das Technik-Nerdtum mit einem starken Business-Bewusstsein: Er war bereits als Kind von der wenig erfolgreichen Geschichte des Erfinder-Genies Nikola Tesla fasziniert. Wie einige andere Silicon-Valley-Gründer in spe (Elon Musk benannte seine Automarke nach ihm) war auch er von Tesla begeistert und nahm sich zugleich dessen kommerzielle Erfolglosigkeit als mahnendes Beispiel. (Tesla meldete Ende des 19. Jh. bahnbrechende Patente an, wurde aber geschäftlich immer wieder von Edison übertrumpft.) Der kleine Larry verstand, dass geniale Erfindungen nur dann lange genug überleben können, um die Welt zu verbessern, wenn sie an der harten Realität des Marktes nicht zerschellen.

Logos von HP, Yahoo, Cisco und Sun Microsystems
Was macht man so an der Uni Stanford? Na Logo, ein IT-Unternehmen gründen!

Technik mit menschlichem Fokus

So verwundert es auch nicht, dass es Larry Page für seinen PhD letztlich nach Palo Alto verschlug. Die Uni Stanford zeichnet sich durch eine Nähe von Technologie-Forschung und Wirtschaft aus und hatte bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreiche Firmengründungen on the record. Während andere amerikanische Elite-Unis eher weniger durch Unternehmensgründungen aus Forschungen heraus auffielen, wurde dies in Stanford gefördert: HP, Cisco, Sun Microsystems und Yahoo sind nur einige Beweise dafür.

Vor seiner Zeit in Stanford absolvierte Page aber noch sein College-Studium an der Michigan State, der Alma Mater seiner Eltern. Währenddessen nahm er an außercurricularen Programmen teil, die die Führungspersönlichkeiten der Zukunft formen sollten. Als Studienschwerpunkt wählte er das Feld der Mensch-Computer-Interaktion, zu der er auch eine Forschungsarbeit verfasste. Ohne es zu wissen, arbeitet er bereits an seiner Zukunft als Gründer und CEO eines Internet-Giganten.

Stanford verbindet.

1995 nahm Larry Page vor seinem ersten Semester in Stanford an einer Orientierungsveranstaltung teil, zu der auch eine Exkursion nach San Francisco gehörte. Dort traf er auf einen redegewandten, geselligen Tutor – Sergey Brin. Die beiden sollen sich gegenseitig als äußerst anstrengend empfunden haben, waren aber schnell miteinander in intensive und meinungsstarke Diskussionen über unterschiedlichste Themen vertieft. Sie bekamen dazu noch viel mehr Gelegenheit, als sie benachbarte Schreibtische in der Informatikfalkultät bezogen. Hier konnten sie mit weiteren Kommiliton*innen ganz dem Geek-Lifestyle frönen, zwischen Pflanzen mit selbstgebastelter automatischer Bewässerung und allerlei anderer Spielereien.

Dabei wurden die beiden von Lehrkörper und Mitstudierenden als unzertrennliches Doppelpack wahrgenommen. Was sie aber nicht an Forschungsprojekte in unterschiedlichen Bereichen hinderte: Brin widmete sich dem Data Mining und erkundete das Feld der Warenkorbanalyse. Er war fasziniert von Nutzerverhalten im Web. Page vertiefte seine in Michigan begonnenen Studien zur Mensch-Computer-Interaktion und User Interfaces – ein Feld, das damals von der Informatik noch stiefmütterlich behandelt wurde.

Auf der Suche nach einem Thema für seine Dissertation beschäftigte sich Page 1996 näher mit dem World Wide Web. Er überlegte sich eine Methode, um die relative Relevanz von Webseiten zu bewerten. Sein Ansatz orientierte sich an der Relevanzanalyse wissenschaftlicher Arbeiten – je häufiger ein Paper von anderen Forschern zitiert wird, desto besser. Analog dazu wollte Page Websites anhand der Anzahl zu ihnen führender Links bewerten. Dafür musste er nur das gesamte Web “kartographieren”. Seine mutige Idee dazu: alle Links im WWW speichern. Einfach war diese Aufgabe jedoch nicht, immerhin gab es schon über 100.000 Websites mit Dokumenten in zweistelliger Millionen- und Links in Milliardenhöhe. Die Lösung: Page programmierte mit zwei Kommilitonen ein Programm, das das Web durchkämmte und jeden Link inklusive Seitentitel und Ursprung des Links speicherte – Pages eigener Webcrawler war geboren. Wie aus heutiger Sicht vielleicht zu erwarten war, brachte der “BackRub” betitelte Crawler die Stanford-Server bald an ihre Grenzen. Komplexität und Größe des Vorhabens erregten aber die Aufmerksamkeit von Pages Kumpel Brin, der seine Dissertation nun ebenfalls über “BackRub” schreiben wollte.

Ordnung ins Web bringen

Mit Brins Input wurde der Ansatz jetzt noch ein gutes Stück mathematischer und die Methoden, Webseiten relativ zu gewichten, zunehmend raffinierter und feiner. Neben der schieren Zahl an Verlinkungen sollte auch die Bedeutung der eingehenden Links bewertet werden – auf die gleiche Weise wie die Seiten davor. Eine Seite rankte im Index also hoch, wenn sehr viele und qualitativ hochwertige Backlinks auf sie verwiesen. Dieser rekursive Ansatz steigerte den Aufwand exponentiell – in der Entwicklungen mathematischer Modellierungen und Lösungen, um ihm zu begegnen, ging gerade Brin auf.

Wie Google früher einmal aussah.

Google, before it was cool. (Screenshot: Web-Archive)

Während der Arbeit an dem Projekt kam den beiden die Erkenntnis, dass der Web-Index eine sehr gute Grundlage für eine Suchmaschine sein könnte – eine ordentliche Einsicht und die Geburtsstunde von Google. Brin und Page polierten die Methoden weiter und veröffentlichten 1998 wissenschaftliche Artikel zu Ihrem mittlerweile als “PageRank” titulierten Ansatz. (Dies war zum einen ein sprechender Titel, zum andern natürlich auch eine Selbstreferenz von Larry Page.) Eine Zwischenüberschrift in einem Paper zum Projekt “Google” lautet “PageRank: Bringing Order to the Web”. Die beiden ahnten wohl bereits, welche Bedeutung ihre Technologie für das WWW haben konnte.

Exkurs: Ein großer Name
Der Name “Google” entstand aus der Falschschreibung eines Googol, der Bezeichnung der Zahl 10100 (eine Eins und hundert Nullen). Ob der Rechtschreibfehler Absicht war, ist nicht überliefert – die Domain “www.googol.com” war aber sowieso schon vergeben. Das Wort “Google” erschien Brin und Page aber sehr einprägsam. Wie später auch diversen Sprachkomitees: Nicht nur der Duden hält das “Googlen” mittlerweile für ein gangbares Verb.

Zwar existierten bereits Suchmaschinen, als Page und Brin Ihren Ansatz entwickelten, viele basierten allerdings noch auf manuell erstellten Indizes. Die Pioniere hatten seit der Geburtsstunde des Web versucht, seiner Inhalte Herr zu werden, indem sie kategorisierte Listen mit Websites anlegten. Diese wuchsen naturgemäß ebenso schnell wie das junge Web. Bald wurden Webcrawler eingesetzt, die das Web automatisch absuchten und indexierten. Die Suchmaschinen griffen aber weiterhin auf Indizes mit relativ simpler Kategorisierung zurück und boten keinerlei Gewichtung. Man erhielt bei Yahoo, AltaVista, Excite und Co. zwar Suchergebnisse, die das eingetippte Keyword enthielten, allerdings nur in den relativ willkürlichen Indexs-Reihenfolgen.

In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Websites und Inhalte exponentiell, das Web lieferte also immer mehr Informationen bei immer schwererem Überblick. Dadurch wuchs das User-Bedürfnis, gezielte Anfragen zu stellen – in den Ergebnislisten waren allerdings noch alle Webseiten gleichgestellt. Gab man etwa “Bundeskanzler” ein, gab es keine Unterscheidung zwischen einer Satireseiten, Blogs, relevanten Artikeln von großen Tagesmedien und der offiziellen Seite des Bundeskanzleramtes – Hauptsache, das Keyword ist drin! Fand man nicht was man suchte – tja, selbst Schuld, man hatte man die Suchbegriffe eben “falsch” gewählt.

Keywords und Algorithmen

Dieser Ansatz widerstrebte Page mit seinem Faible zum HDI-Thema zutiefst. Dem User die Schuld für mangelnde Funktionalität zu geben, war nach dieser Schule nicht der richtige Weg. Den Beweis, dass PageRank es besser konnte, lieferten Brin und Page schnell: Sie ließen Google gegen das Suchmaschinen-Establishment antreten und erkannten einen eklatanten Qualitätsunterschied der Suchergebnisse. Beim Suchbegriff “university” etwa gaben Yahoo, AltaVista und Co. zufällig sortierte Listen mit Webseiten heraus, die das Keyword im Titel trugen. Googles erste Treffer waren die Homepages von Stanford, Harvard, dem MIT und Michigan State.

Die beiden waren mit den Ergebnissen sehr zufrieden – das war für sie aber kein Grund, sich auf dem Erfolg auszuruhen. Vielmehr begannen sie Testreihen, um die Modelle weiter zu verbessern. Etwa über die unterschiedliche Bewertung verschiedener Faktoren, etwa dem Vorkommen des Suchworts in der URL oder im Ankertext eines Backlinks. So konnte Google die Relevanz von Websites erkennen, die den Suchbegriff gar nicht an prominenter Stelle enthielten. Die Webseite des Weißen Hauses etwa hatte den Begriff “Bill Clinton” nicht im Titel oder der URL. Dennoch erkannte Google, dass die Seite eine der relevantesten für den Suchbegriff war. Bald hatten Brin und Page hunderte relevante Faktoren definiert und umfassend das Userverhalten auf Google.com analysiert – kein Zufall, nach Brins Forschungserfahrungen. Kamen User zurück auf die Ergebnisseite, nachdem sie einen Suchtreffer angeklickt haben – und wenn ja, wie schnell? Durchsuchten sie weitere Ergebnisseiten? – Alles Indikatoren, ob die Suchtreffer und deren Reihenfolge die Nutzer zufrieden stellten. Der heilige Erkenntnisgral war für die Google-Gründer aber zu verstehen, welche Absichten hinter den spezifischen Suchbegriffen steckten.

Helmut Kohl vor grünem Kohl

Dank diverser neuronaler Netze kann man Google auch mit verwirrenden Keywords in der Bildersuche kaum noch verkohlen. (Bilder: Wikimedia Commons, Montage: DM)

So lernte Google, die Zusammenhänge von Suchbegriffen zu verstehen. Wer “Hund” sucht, meint vielleicht auch “Welpen”, wer einfach “Kohl” eingibt aber noch lange nicht den ehemaligen Bundeskanzler. Wer allerdings nach “Helmut Kohl” sucht, interessiert sich wahrscheinlich nur für diesen und ist nicht an Telefonbucheinträgen zu Namensvettern interessiert. Google war damit die erste Suchmaschine, die erfolgreich versuchte, die Bedeutung hinter Suchbegriffen zu erfassen. Dadurch bekamen User auf den ersten Trefferseiten mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit Websites vorgeschlagen, die ihr Informationsbedürfnis befriedigten.

Was Google zusätzlich von der Konkurrenz abhob, war ihre konsequente Ausrichtung auf Performance. Sie erweiterten die Datenübertragungsraten, Rechenkapazitäten und Speichervolumen der Server um ein Vielfaches, bis sie selbst die Möglichkeiten der Konkurrenz übertrafen. Der eingesetzte Webcrawler wurde so zu einem der potentesten am Markt, die Seite selbst war der Masse an Suchanfragen längst gewachsen. Anfang 1998 hatte PageRank über eine halbe Milliarde Links indexiert – damals schätzungsweise ein Sechstel aller Links im Web.

Und nun zum geschäftlichen Teil…

Page und Brin waren sich bewusst, dass sie eine Suchmaschine entwickelt hatten, die alle anderen in Sachen Performance und Ergebnisqualität deklassierte. Aber als Stanford-Studenten und aufmerksame Schüler der Technik- und Wirtschaftsgeschichte waren sie sich bewusst, dass sie einen Weg finden mussten, ihre Erfindung zu monetarisieren, sollte diese nicht in der Versenkung verschwinden. Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen hielten sie sich darum bewusst zurück und gingen auf die Suche nach einem Geschäftsmodell. Zunächst versuchten die beiden PageRank an andere Suchmaschinen zu lizenzieren. Der Legende nach machten sie den damaligen Branchengrößen wie AltaVista und Yahoo Angebote und forderten eine überzogene Million USD für die Patente und ihre Dienste als Entwickler. Diese Unternehmen waren teilweise hunderte Millionen schwer, sollen in Brins und Pages Entwicklung aber keine lohnenswerte Investition gesehen haben – schließlich besaß man bereits funktionierende Suchmaschinen.

Das Duo beschloss daraufhin eine eigenes Unternehmen zu gründen und machte sich an die Investorensuche. Geldgeber für neue Technologien gab es im Silicon Valley zuhauf. Die Tür zum ersten Check öffnete den beiden einer ihrer Professoren, David Cheriton, selbst ein erfolgreicher Tech-Gründer. Er empfahl sie an seinen Geschäftspartner Andreas Bechtolshei – einem bayerischen Lehrersohn und Selfmade-Millionär, der schon Sun Microsystems mitgegründet hatte. Nachdem Page und Brin ihm Google vorgeführt und die gesamte Technologie dahinter erläutert hatten, war er von der exzellenten Investitionmöglichkeit überzeugt. Der Umstand, statt einem sonst üblichen Pitch ein funktionierendes Produkt präsentiert zu bekommen, begeisterte ihn ebenso wie die Erfindung selbst. Er empfahl den jungen Gründern Werbeanzeigen für die Ergebnisseiten anzubieten, um sofort konstanten Umsatz generieren zu können und schrieb einen Check über 100.000 USD für “Google Inc.”.

Das Unternehmen war zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal gegründet und besaß erst recht noch kein Konto. Das änderten Page und Brin postwendend, verließen die Uni und lösten den Check ein, um Google endgültig zu einem kommerziellen Unternehmen zu machen. In der Tradition des Silicon Valley mieteten die beiden sich in einer Garage in Palo Alto ein (hier zu bestaunen auf Street View), um sich von dort aus ganz ihrem jungen Unternehmen zu widmen. Die Garage gehörte ihrer Uni-Freundin Susan Wojcicki, die später Googles erste Marketingchefin und anschließend YouTube-CEO wurde. Damit stieg eine Reihe von Investoren bei Google ein, darunter große VC-Fonds im Silicon Valley und Jeff Bezos, der Gründer von Amazon.

Als Gigant polarisiert man.

Der weitere Aufstieg von Google ist Geschichte. Und zwar eine, die wir als Nutzer unmittelbar miterleben konnten. Google bot nicht nur eine überlegene Websuche, es stellte schlicht einen neuen Weg dar, mit dem WWW zu interagieren. Die Technologie war lernfähig und verbesserte sich stetig, bestes Beispiel: Sucheingaben in natürlicher Sprache und damit vollständigen Sätzen. Damit waren bereits die Grundlagen für spätere Technologien angelegt – ohne Engine, die den Sinn hinter Begrifflichkeiten gespeichert hat, wären etwa Sprachassistenten nicht möglich. Rasant wurde das Angebot auf den internationalen Markt erweitert. Zudem blieb Google dabei stets performant und verfügbar, da der Ausbau der Serverkapazitäten stets mit der wachsenden Zahl an Sucheingaben mithalten konnte. Durch die ebenso schnelle wie intuitive Bedienung wurde Google für Otto Normal zum Tor ins Web. Man kann argumentieren, dass erst dank Google Suchmaschinen zu der digitalen Infrastruktur wurden, ohne die man im WWW kaum noch zurecht käme.

Google wurde so erfolgreich, dass man seit langem auf dem Kernmarkt ein Quasi-Monopol innehat. Das bringt eine gewaltige gesellschaftliche Macht mit sich. Googles Präzision in der Beantwortung von Suchanfragen kommt nicht von ungefähr, sondern wird nur durch die tiefgreifende Beobachtung und Analyse des Verhaltens von Milliarden Usern ermöglicht. Der Preis, den wir für allzeit verfügbare, kostenlose Dienste zahlen, sind unsere Daten. Googles ursprünglicher Slogan, “Don’t be evil", mutet da schon fast etwas sarkastisch an. Das Geschäftsmodell von Google ist und bleibt der Verkauf personalisierter, gezielter Werbung. Und längst hat Google seine Arme in unzählige digitale Geschäftsfelder und Branchen ausgestreckt. In Kombination mit der Stellung als beliebte erste Anlaufstelle im Netz eine erhebliche Marktmacht, die nicht nur Konkurrenten und Kritiker im Hinterkopf behalten sollten.

Ein ausgeschriebenes Googol
Läppsch: Im ganzen sichtbaren Universum gibt es nicht einmal ein Googol Protonen. ("Bild": DM)

Egal, wie man diese Entwicklungen betrachtet, es bleibt Pages und Brins Verdienst, der digitalen Öffentlichkeit das World Wide Web ein gehöriges Stück näher gebracht zu haben. Die stetig wachsende Informationsflut wurde dank Google für Normalbürger*innen zugänglich. Google brachte tatsächlich Ordnung ins Netz und nutze die etlichen kleinen, täglichen Entscheidungen und Urteile der Nutzer, um seine Algorithmen zu trainieren. Damit kann man als User indirekt mitbestimmen, wie die Ordnung des Webs aussehen sollte. Google – Fluch und Segen in einer Eins mit hundert Nullen.