Helden der IT

Web-Designer im wahrsten Sinne – Tim Berners-Lee

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Diesen Text würden Sie nicht lesen, wenn unser heutiger Held nicht entschlossen hätte, die Prozesse an seinem Arbeitsplatz in den 70er-Jahren entscheidend zu verbessern. Dass es sich bei diesem Arbeitsplatz um das CERN handelte, geniale Köpfe dort also quasi zum Inventar gehörten, macht seine Geschichte umso spannender. Gestatten: Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web.

Tim Berners-Lee, Erfinder des WWW
Ta-da, the world wide web: Tim Berners-Lee. (Bild “Tim Berners-Lee 2008”, Quelle: John S. and James L. Knight Foundation, Tim Berners-Lee-Knight-crop, CC BY-SA 2.0)

Isaac Newton erfuhr es der Sage nach am eigenen Leib: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ein Spruch, der sich auch am heutigen Helden nachzeichnen lässt. Der kleine Tim, damals noch nicht ganz Erfinder des WWW, beschäftigte sich schon früh mit Mathematik und Computertechnik. Seine Eltern, Conway Berners-Lee und Mary Lee Woods, ihres Zeichens Mathematiker, hatten zuvor bereits an der Entwicklung des Ferranti Mark I mitgewirkt. Dieser frühe Röhrencomputer basierte direkt auf Turings Konzepten und war nach Konrad Zuses Z4 der zweite kommerzielle Universalrechner der Welt. (Mehr Zuse-Wissen gibt’s hier.)

Ein CERNiger Typ

Nach seinem 1976 abgeschlossenen Physik-Studium in Oxford startete Berners-Lee seine Karriere als Ingenieur bei einem Telekommunikations-Unternehmen. Glücklicherweise orientierte er sich zwei Jahre später zum Software-Entwickler um (Scrum? Was ist das?) und wird damit auch für den next level-Blog interessant. Zuerst für die Entwicklung einer Schriftsatz-Software für einen Druckdienstleister zuständig, kam Berners-Lee als selbstständiger Entwickler auch in ersten Kontakt mit dem CERN. Die Europäische Organisation für Kernforschung, heute vielerorts eher für Teilchenbeschleuniger und ebenso zwielichtige wie fiktive Forschungsprojekte in Dan-Brown-Romanen bekannt, profitierte hier bereits von Berners-Lees Genie: Dieser präsentierte eine hypertextbasierte Lösung zum zeitnahen Informationsaustausch zwischen Wissenschaftlern, die die heterogene technische und akademische Landschaft entscheidend standardisieren sollte. Der Name des Prototypen: ENQUIRE (dt: “anfragen”). Mit seiner Datenbank-Basis, der offenen Editierbarkeit und seiner reduziert-einfachen Nutzbarkeit war dieses Projekt allerdings einem Wiki noch ähnlicher als dem WWW, wie wir es heute kennen.

Für den nächsten Schritt zu seinem Meister(netz)werk waren Berners-Lee und das CERN an dieser Stelle allerdings noch nicht bereit. Dafür war erst weitere Erfahrung nötig – und so war die nächste Sprosse auf seiner Karriereleiter nach seiner Zeit als projektbasierter Entwickler die technische Leitung bei JP Image Computer Systems. Dort sammelte Berners-Lee seine erste praktische Erfahrung mit Enterprise-Netzwerken. Nach diesem dreijährigen Abstecher kehrte der verlorene Sohn schließlich 1984 zum CERN zurück.

First webserver
Süß, der kleine – wächst der noch? Der erste Webserver. (Quelle: Quelle: Thomas Stiren, Tim Berners Lee Webserver, CC BY-SA 3.0)

Am CERN hatte sich unterdessen die bekannte Problematik noch nicht gelöst: Die über die Schweiz und Frankreich zerstreuten Forschungseinrichtungen verfügten nur über heterogene Netzwerkinfrastrukturen, ein einfacher Informationsaustausch war kaum möglich. An das Internet war das CERN durchaus schon eine Weile angebunden (und wurde bis 1989 zum größten Internetknoten Europas), allerdings blieb das Potential ohne verknüpfende Hyperlink-Strukturen ungenutzt. Für Berners-Lee die Gelegenheit, seine Erfahrungen mit ENQUIRE gewinnbringend einzusetzen. Nach Eigenaussage verlief die Sache dann wie folgt: “Ich musste einfach nur die Hypertext-Idee nehmen, mit TCP und der DNS-Idee verbinden und – ta-da! – das World Wide Web!”

Distributed Computing mal anders

Ganz so einfach gestaltete es sich dann wohl nicht, der Kern der Aussage bleibt aber wahr: Fast alle zugrunde liegenden Ideen waren bereits von anderen Vorreitern entwickelt worden, Berners-Lee musste sich die Kirschen zusammenpicken – also Hypertext, die Internetinfrastruktur, Multifont-Webobjekte – und zielführend miteinander verknüpfen. Den Antrag für eine Umsetzung dieses Ansatzes reichte er 1989 beim CERN ein, welches ihn dann auch akzeptierte. Die Benutzung von bereits durch ENQUIRE etablierten Eigenentwicklungen (etwa der erste Browser WorldWideWeb, und der erste Webserver CERN HTTPd) und Ideen führte schließlich zum World Wide Web, damals noch abgekürzt als W3. Der Grundstein war gelegt.

Um beim Hausbau zu bleiben: Am 6.8.1991 war dann Zeit für das Richtfest, als die erste Website an den Start ging. Der nahe an der französischen Grenze betriebene Server ist noch heute unter seiner alten Adresse zu erreichen. Damit ging auch die erste richtige Seite an den Start. Am Ziel findet sich eine Seite, auf der verschiedene Infos über das (nicht mehr ganz so) neue Projekt gesammelt wurden – technische Grundlagen, Ziele, Mitwirkende. Im Grunde also das Impressum des WWW an sich.

CERN Web corridor
Der Geburtsort des WWW. Quelle: Lupus sat, CERN web corridor, CC BY-SA 4.0

Wo wären Katzen heute nur ohne ihn?

Dass heute der Begriff “Internet” oft synonym für das WWW gebraucht wird, zeigt nicht nur, welchen Impact dieser neue Ansatz langfristig hatte, sondern auch, dass das WWW mehr ist, als die Summe seiner technologischen Teile. Und Berners-Lee selbst? Ist auch heute noch tatkräftig in die Erziehung seines mittlerweile erwachsenen Babys involviert, etwa als Director des W3C, Gründer der World Wide Web Foundation und der Alliance for Affordable Internet. Bei einem Medium diesen Impacts (und hier sind nicht Katzenvideos, Duckface-Selfies und Motivationsspruchbilder gemeint) verwundert es zudem kaum, dass dessen Vater Sir Berners-Lee darüberhinaus noch Mitglied der Royal Society, Ehrendoktor an diversen Universitäten und staatlicher Ordensträger ist. Aber zum Glück findet sich das ja auch alles in diesem WWW.