Helden der IT

Ray Tomlinson – Urvater der E-Mail

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Im Jahr 1971, als Instant Messenger, Emoticons und Sprachnachrichten noch Zukunftsmusik waren, veränderte ein einzelner Mann die Zukunft der Telekommunikation schlagartig. Unsere heutige Heldengeschichte widmet sich niemand Geringerem als dem Mann, der quasi im Alleingang die E-Mail, wie wir sie heute kennen und täglich einsetzen, entwickelte: Ray Tomlinson.

Ray Tomlinson, Erfinder der Email.
E-Mail-Erfinder Ray Tomlinson. (Quelle: By Andreu Veà, WiWiW.org, CC BY-SA 3.0, Wikimedia)

Er war einer der großen Pioniere des Computer-Zeitalters und brachte mit der E-Mail eine Erfindung hervor, die unser Kommunikationsverhalten bis heute maßgeblich prägen sollte. Doch obwohl Ray Samuel Tomlinsons E-Mail als eines der bedeutendsten Kommunikationsmedien der Gegenwart kaum aus unserem Alltag wegzudenken ist, war ihre Erfindung seinerzeit ein eher beiläufiger Prozess. Doch bevor wir an diesen Punkt in der Karriere unseres Helden kommen, gehen wir noch kurz einen Schritt zurück.

Tomlinson wurde am 23. April 1941 im Staat New York geboren und besuchte nach der Schule das Rensselaer Polytechnic Institute, wo er 1963 sein Studium mit dem Bachelor in Elektrotechnik abschloss. Im Rahmen seines darauffolgenden Masters am MIT entwickelte er für die Abschlussarbeit einen hybriden analog-digital-Sprachsynthesizer. Nach seinem Studium begann er 1967 bei Bolt Beranek and Newman (BBN) in Cambridge zu arbeiten. Diese private Forschungseinrichtung bekam 1968 vom US-amerikanischen Verteidigungsministerium den Auftrag, das ARPANET (den Vorgänger unseres heutigen Internets) aufzubauen. Tomlinson war dort an der Entwicklung des Betriebssystems TENEX beteiligt, ebenso wie am ARPANET Network Control Program. Zudem schrieb er auch an dem Protokoll CPYNET mit (nicht zu verwechseln mit der zerstörerischen KI “Skynet” aus den Terminator-Filmen ;-) ), welches erstmals Datenübertragungen über das ARPANET ermöglichte.

1971: Das Geburtsjahr der elektronischen Post

Ray Tomlinson war damals damit beauftragt, nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für das ARPANET zu forschen. Während dieser Zeit, genauer gesagt im Winter 1971, entwickelte er die E-Mail, weil er die Möglichkeit zur netzwerkbasierten Nachrichtenübermittlung für eine nützliche Idee hielt. Tatsächlich gab es auch schon zuvor elektronische Nachrichten, allerdings wurden diese nicht innerhalb eines Netzwerks verschickt, sondern an einem Rechner in verschiedenen Dateien gespeichert. Nachrichten konnten also nur an dem gleichen Rechner gelesen werden, an dem sie auch geschrieben wurden. Tomlinson ermöglichte es erstmals, Nachrichten zwischen Geräten zu verschicken, die einzig und allein durch das ARPANET miteinander verknüpft waren. Genauer gesagt handelte es sich um zwei große Rechner, BBN-TENEXA und BBN-TENEXB, die sich beide im selben Raum befanden.

Die Computer, auf denen die erste E-Mail versendet wurde.
Die ersten Rechner, zwischen denen eine E-Mail versandt wurde, standen unmittelbar nebeneinander. Die Ausgabe erfolgte per Drucker. (Quelle: Dan Murphy, history-computer.com)

Innerhalb des Unternehmens wurde seiner Arbeit bis zu diesem Zeitpunkt nicht die größte Bedeutung zugemessen und die Entwicklung der E-Mail eher als Spielerei angesehen. So empfahl ihm ein Kollege damals sogar scherzhaft, seinen Vorgesetzten nichts von dieser Erfindung zu erzählen, da Sie nicht das wäre, woran sie eigentlich arbeiten sollten. Natürlich änderten sich derartige Meinungen, nachdem der große Nutzen des schriftlichen Nachrichtenaustauschs über Datennetzwerke erkannt wurde.

Das @-Symbol und der Mythos der ersten E-Mail

Um eindeutige E-Mail-Adressen zu erzeugen, benötigte Tomlinson noch ein Zeichen, welches den Benutzernamen vom Domainnamen trennt. Für ihn war es früher wohl kaum vorstellbar, dass die Wahl @-Zeichens fortan riesige Auswirkungen für Generationen haben sollte. Immerhin ist das Symbol in der heutigen Internetkultur eine fest verankerte Größe, die täglich millionenfach in E-Mails oder auch in sozialen Medien Verwendung findet. Das @, welches im heutigen Volksmund zahlreiche scherzhafte Bezeichnungen wie Klammeraffe oder Affenschwanz trägt, war jedoch keine Neuerfindung von Tomlinson, sondern ein Sonderzeichen auf der Computertastatur. Die Geschichte des Symbols reicht sogar mehrere Jahrhunderte zurück. Im 19. Jahrhundert wurde es etwa bei englischen Händlern auf Märkten für die Angabe von Stückpreisen verwendet. Tomlinsons Wahl des @-Zeichens hatte gleich mehrere Gründe, die vor allem praktischer Natur waren. Zum einen war es ein kaum verwendetes Zeichen auf der Tastatur, welches bis dato in keinem Benutzernamen im ARPANET enthalten war. Zum anderen entschied er sich nach eigener Aussage dafür, da das @ als einziges Zeichen auf der Tastatur gleichzeitig auch eine Präposition darstellt. Somit erwies es sich für seine Zwecke als perfekt geeignet.

Der Inhalt der allerersten E-Mail ist ebenfalls ein Thema, um welches sich zahlreiche Mythen ranken. Auf seiner eigenen Homepage schafft Tomlinson diesbezüglich Klarheit. So behaupten zahlreiche Quellen mit Bezug auf eine alte Aussage von ihm, dass die erste Mail den Inhalt “QWERTYUIOP” hatte. Tomlinson selbst wies jedoch darauf hin, dass er sich nicht mehr an den Inhalt der ersten E-Mail erinnern kann, da es sich dabei nur um einen Testlauf für sein “kleines” Projekt handelte. Der Inhalt der Nachricht war daher völlig belangloser Natur, wie beispielsweise “QWERTYUIOP” oder “TESTING 1 2 3 4”. Nach den ersten erfolgreichen Selbstversuchen folgte schließlich die erste tatsächliche E-Mail, die er an seine Kollegen über das ARPANET verschickte. In dieser wahrlich geschichtsträchtigen Nachricht erklärte er seinen Adressaten, wie man E-Mails verschickt und das @-Zeichen verwendet.

E-Mail Comic by XKCD.
Bei nachlässiger Nutzung kann die praktische E-Mail auch zur Bürde werden. (Quelle: XKCD)

Im Laufe seiner weiteren Karriere hat Ray Tomlinson zahlreiche Auszeichnungen und Preise für seine Arbeit erhalten. So wurde er etwa im Jahr 2001 in die Rensselaer Hall of Fame aufgenommen. 2011 wurde er vom MIT auf Platz 4 der 150 Top-Innovatoren der Uni gewählt. 2012 folgte dann noch die Aufnahme in die Internet Hall of Fame der Internet Society. Am 5. März 2016 verstarb Tomlinson im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Mit seinem Vermächtnis wird er uns jedoch auch lange nach seinem Tod als einer der wichtigsten Pioniere des Internet-Zeitalters in Erinnerung bleiben. Immerhin werden tagtäglich etwa 215 Milliarden E-Mails rund um den Globus geschickt. Tendenz weiterhin steigend.