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Mobile Recruiting, Teil 2: Job at first Swipe

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Im ersten Teil unserer Mobile-Recruiting-Reihe haben wir die verschiedenen Ebenen des Mobile Recruitings beleuchtet und am Status Quo festgestellt, dass viele Unternehmen noch die Segel in Richtung Zukunft setzen müssen. Wohin die Reise gehen könnte, das schauen wir uns nun mal genauer an. Wir nehmen einige Job-Apps unter die Lupe und betrachten die sich verändernde Rolle der Unternehmen bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern.

Finger wischt durch Stellenangebote
Mobile Jobsuche: Job at first swipe? Bild: D. Martin.

Ein Großteil aller Bewerber ist offen für Mobile Recruiting. 76,1% der im Rahmen einer Studie von meinestadt.de befragten Bewerber nutzen bereits ein Smartphone zur Jobsuche. Auch wenn ungefähr die Hälfte der Kandidaten bereits eine Online-Bewerbung abgebrochen hat, weil die mobile Version des Angebots nicht genug hergab und zudem längst nicht jeder Bewerber seine Unterlagen klickbereit auf dem Smartphone zur Verfügung hat: Mobile Recruiting wird sich mehr und mehr durchsetzen, angetrieben durch die Wünsche und Erwartungen der Generationen Y und Z. Einige Unternehmen haben das begriffen und stellen mobil optimierte Bewerbungsprozesse oder sogar schon eigene Job-Apps zur Verfügung. Auch findige Start-Ups streben mit ihren Anwendungen rund um Bewerbung und Vorstellungsgespräch danach, jede denkbare Eventualität im Bewerbungsprozess abzudecken.

Mobile Recruiting leicht gemacht: Was können Job-Apps?

Mobile Anwendungen rund um den Recruiting-Prozess gibt es einige. Die großen Stellenportale bieten längst App-Versionen ihrer Börsen an. Schon vor zwei Jahren hatten mehr als eine Million Menschen die Job-App von StepStone heruntergeladen. Indeed erfreut sich einer vergleichbaren Beliebtheit. Anbieter, die neu auf den Markt stoßen, werfen innovative Formate ins Rennen, die modernes Nutzerverhalten perfekt aufgreifen. truffls beispielsweise funktioniert vom Prinzip her wie Tinder: Die guten Jobs werden nach rechts gewischt, die schlechten nach links. Und truffls kann dabei noch mehr: Die beigefügten CVs werden auf Matches analysiert, die positiven Ergebnisse ans Unternehmen weitergeleitet. Dort kann bei Interesse ein Blick auf das komplette Bewerberprofil geworfen und der Kontakt zum Aspiranten aufgenommen werden. Das Stellenportal Monster schlägt mit seiner kürzlich gelaunchten App in eine ähnliche Kerbe.

Kurzbewerbung per Tablet
Easy peasy lemon squeezy: Die Generationen Y und Z schätzen die mobile Kurzbewerbung. Quelle: Wikimedia, gemeinfrei.

Bislang bieten nur 15,6% der von meinestadt.de befragten Unternehmen mobile Bewerbungsmöglichkeiten an, aber bei fast der Hälfte der Nachzügler sind entsprechende Maßnahmen in Planung. Bis das so weit ist, kann der Bewerber sich mit den Apps der großen Stellenportale auf dem Laufenden halten und sich mit Anwendungen rund um die Traumjobfindung vorbereiten: Es gibt Apps zur Erstellung der Bewerbungsunterlagen auf dem Smartphone, zum Einüben des Vorstellungsgesprächs mitsamt Stimmanalyse, zum “Übersetzen” des Arbeitszeugnis-Jargons in Schulnoten sowie zum Einstudieren von Anstands- und Gesprächsregeln. Die Agentur für Arbeit hat eine Anwendung auf dem Markt, anhand derer man seine Termine und Daten organisieren kann. Auch HR-Profis gehen nicht leer aus: Die mobilen Versionen des Xing-Talentmanagers oder des LinkedIn Recruiters unterstützen automatisiert bei der Suche nach neuen Mitarbeitern.

Mobile Recruiting 2.0: Bühne frei fürs Bewerbungsvideo!

Die drei jungen Gründer der Recruiting-App TalentCube beantworten die Frage nach der idealen mobilen Bewerbung damit, das ohnehin an Relevanz verlierende Anschreiben durch ein Video zu ersetzen. In diesem filmt der Bewerber sich selbst mit der Handy-Kamera bei der Beantwortung dreier Fragen, die das suchende Unternehmen auf der Plattform hinterlegt hat. Die Videobewerbung ist innerhalb weniger Minuten durchlaufen. Der Bewerber hat nur 30 Sekunden Zeit für die Antwort und erfährt die Fragen erst unmittelbar zuvor. Unternehmen können die Antworten vergleichen und in Sachen Auftreten einen unverbindlichen ersten Eindruck über den Bewerber gewinnen. Weniger schlagfertig und selbstdarstellerisch veranlagte Menschen dürften mit dieser Art der Bewerbung ihre Probleme haben. Die Gründer setzen da voll auf die YZ-Zielgruppe, die minutenschnelle Prozesse ebenso schätzt wie das gepflegte Eigenmarketing, oder neudeutsch: Personal Branding.

Das nötige Selbstbewusstsein dazu dürfte bei den Fachkräften mit der Zeit zumindest weiter ansteigen. Schon heute hat sich ein Mangel an ausgebildeten Experten eingestellt, der zu einem Rollenwechsel im Recruiting führt. Um eine Anstellung betteln muss keiner mehr, fähige Leute sind heiß umworben und können sich vor verlockenden Angeboten kaum retten. Was heißt das für Unternehmen?

Personalbeschaffung nach der Vollbeschäftigung: Vom Gebieter zum Bittsteller

Der Wirtschaft geht’s gut, der Arbeitsmarkt boomt: Die Vollbeschäftigung ist nahe. Im letzten Wahlkampf formulierte die CDU sie als Versprechen bis 2025. Wirtschaftsexperten gehen gar davon aus, dass eine Vollbeschäftigung noch früher möglich wäre, wenn die Langzeitarbeitslosigkeit effektiver angegangen werden könnte. Dieser gesamtgesellschaftlich positive Trend bedeutet für den Arbeitsmarkt, dass die humanen Ressourcen sehr bald ein knappes Gut sein werden. Wer dann erst den Schuss zum Mobile Recruiting hört, hat auf der Strecke wertvolle Zeit verschwendet, die im schlimmsten Fall die Existenz kosten kann.

Schon die aktuellen Anforderungen an das Recruiting verdeutlichen einen klaren Wandel im Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer. Der Bewerber ist kein Bittsteller mehr, der hofft, Eintritt in die heiligen Hallen eines gottgleichen Unternehmens gewährt zu bekommen. Ein Profi kann sich in der Regel aussuchen, wo er arbeitet. Diese neue Entscheidungsfreiheit wird sich in den nächsten Jahren in noch höheren Erwartungen an Unternehmen zuspitzen. Und bedeutet im Umkehrschluss Handlungsbedarf auf deren Seite, konkret: Die Anpassung interner Strukturen und Prozesse an die Anforderungen, die ein moderner, selbstbewusster Mitarbeiter an seinen Arbeitgeber und sein Umfeld stellt.

Umworbene Bewerber: Let us recruitain you!

Persönlicher Traumjob auf dem Silbertablett
Traumjob auf dem Silbertablett: Rosige Zeiten für zukünftige Fachkräfte. Quelle: Montage von B. Bauer.

Manifestieren werden sich die Bewerbererwartungen nicht nur in einer veränderten Unternehmenskultur, sondern auch in einer zunehmenden Individualisierung und Virtualisierung des gesamten Prozesses. Der Führungscoach Nico Rose hat für das Magazin Gründerszene einen lesenswerten Blick in die Zukunft des Mobile Recruiting geworfen. Seiner Meinung nach werden mobile HR-Prozesse sich noch stärker am Bewerber orientieren, angefangen bei individualisierten Karriereseiten über maßgeschneiderte Arbeitsverträge bis hin zur intensiven Investition in weniger gut ausgebildete Mitarbeiter.

Spielerische Elemente wie Gamekonsolen, Fortschrittsbalken, Cartoons oder Challenges machen aus dem Bewerbungsprozess Recrutainment. Der “Lebenslauf as we know it” hat ausgedient und weicht einem Potpourri an persönlichen Daten aus dem Netz, angefangen bei den Xing- und LinkedIn-Angaben bis hin zu Social Media-Profilen und Plattformen wie Pinterest. Unternehmen müssten über einen ethisch angemessenen Umgang mit den so gewonnenen Daten nachdenken. Die Ambitionen der App-Dienstleister für Unternehmen sind hoch, die Frage der Behandlung der Daten ist streckenweise noch ungeklärt.

Aus dem Sammelsurium der Profile und Aktivitäten des Bewerbers im Netz könnte von den Personalern der nahen Zukunft ein komplettes Dossier gezogen werden. Das setzt natürlich voraus, dass diejenigen, die einem Jobwechsel gegenüber offen sind oder sich aktiv auf der Suche befinden, ihre Informationen auf Social-Networking- und -Media-Plattformen passgenau und detailliert zur Verfügung stellen. Hier dürfte besonders ab Generation X abwärts noch ein gewisser Widerwille bestehen.

Social Networking Wiki Commons
Wenn sämtliche Daten, die wir im Netz (irgendwann mal) über uns veröffentlicht haben, für den Arbeitgeber auf einen Blick zugänglich werden, welches Bild über uns ergibt sich dann? Quelle: Wikimedia, gemeinfrei.

Kosten und Mühen gespart: Das virtuelle Vorstellungsgespräch

Widerwillen gegenüber modernen Recruiting-Formen heißt es in Zukunft abzubauen, wenn man hoch hinaus will: Besonders bei der internationalen Personalbeschaffung werden virtuelle Interviewumgebungen inklusive Simultanübersetzung an Relevanz gewinnen. Nachhaltiger als Flugmeilen ist das allemal. Auch auf nationaler Ebene könnten Mobile-Recruiting-Technologien wie das asynchrone Videointerview nach und nach das Ersttelefonat und die kostspielige Anreise zum Vorstellungsgespräch ablösen. Ähnlich wie bei den Bewerber-Apps nehmen Jobsuchende sich hier selbst beim Beantworten vorgefertigter Fragen auf und stellen dem Unternehmen das Video webbasiert zur Verfügung. Auf diese Weise kann im Prinzip das komplette Unternehmen in die Entscheidung einbezogen werden. Damit wird natürlich auch die relative Diskretion des Anschreibens völlig aufgegeben, was sich wiederum auf die Art der Selbstdarstellung niederschlagen könnte.

Mitarbeiterführung 2.0: Trennungsmanagement für den Boomerang Hire

Ist man erst mal angestellt, darf man in Zukunft vermehrt damit rechnen, in interne Personal-Apps eingespeist und gewinnbringend analysiert zu werden. Spannend wird das besonders in Bereichen wie dem “Trennungsmanagement”: Hier sollen Apps anhand von in- und externen Daten voraussehen, wann ein Mitarbeiter erwägt, ein Unternehmen zu verlassen, damit dieses ihm Angebote für seine Umentscheidung machen kann. Oder ihn zur Not “aus dem Unternehmen herausentwickeln”, in der Hoffnung auf den “Boomerang Hire”: dass er nach einer Zeit in der Ferne gereift zurückkehrt. Eine solche Denke bezeugt doch eine gewisse Umkehr im Machtverhältnis ebenso wie die hohe Anerkennung des Werts von qualifiziertem Personal.

Und jetzt? Unternehmen, umarmt das Mobile Recruiting!

Daran vorbei kommt Ihr ohnehin nicht. Die ökonomisch und sozial gesehen positiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt werden in naher Zukunft zu einer Flaschenhalssituation für die Rekrutierung von Fachkräften führen. Allein deshalb sollte jede Chance, zu gutem Personal zu kommen, genutzt werden – und Mobile Recruiting ist eine große. Das Smartphone entwickelt sich zunehmend zum Mittel der Wahl bei der Jobsuche, daher sollten Unternehmen im Wettkampf um die Humanressourcen in schlanke, ansehnliche und leicht bedienbare mobile Bewerbungsprozesse investieren. Die extra Meile zieht jene Kandidaten an, die bei holprigen mobilen Eindrücken und Verfahren abspringen – und diese Spezies ist stark vom Abwerben bedroht.