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Mobile Recruiting, Teil 1: Der One-Click-Job

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Morgens in der Bahn. Die meisten Mitreisenden manövrieren sich durch Feeds, kaufen ein, schauen Videos, spielen Candy Crush – und bewerben sich? Mobile Recruiting gilt als richtungsweisend. Dabei mangelt es vielen Unternehmen nicht nur an entsprechenden Lösungen, sondern teilweise sogar an der Erkenntnis von Handlungsbedarf. Was sind die Folgen? Und was macht gelungenes Mobile Recruiting eigentlich aus? Ein Blick in die Jobwelt auf dem Smartphone.

Finger drückt Jetzt bewerben Button
Mobile Recruiting: mit einem Klick zum neuen Job.

57 Millionen Deutsche nutzen laut Statista heute ein Smartphone, das sind fast 20 Millionen mehr als fünf Jahre zuvor und 50 Millionen mehr als Anfang 2009. Diese Entwicklung hat prägnante Auswirkungen auf das Nutzerverhalten. Wir leben in einer One-Click-Ära, in der bequemer Konsum zu unseren liebgewonnenen Gewohnheiten gehört. Diese Einfachheit wollen wir gern in allen Bereichen unserer Online-Aktivität genießen – auch bei der Jobsuche.

Bewerber sind offen für Mobile Recruiting.

Dass Mobile Recruiting sich Anfang 2018 noch nicht umfassend durchgesetzt hat, liegt nicht etwa an der mangelnden Bereitschaft der Online-Bewerber. Laut einer StepStone-Umfrage nutzen 76 % der hier befragten 20.000 Fachkräfte bereits die “One-Click-Bewerbung”. In Wahrheit mag dieser Weg zum potenziellen neuen Job meist minimal mehr Klicks als einen erfordern, ist aber simpler als je zuvor: Einmal tippen genügt, um über den “jetzt bewerben”-Button sein Interesse am Job zu bekunden, und einen weiteren Klick braucht es, um relevante Infos aus seinem Xing- oder LinkedIn-Profil anzufügen. Bei der neuen Monster-App reicht tatsächlich ein einziger Swipe nach rechts, schon werden die Daten des Bewerbers zum Unternehmen weitergeleitet. Unternehmensseitig erfordert die One-Click-Bewerbung entsprechende Einstellungen auf der Karriereseite oder eine App, die das bequeme, schnelle Prozedere ermöglicht. Für Jobsuchende bedeutet der One-Click-Weg, dass sie über ansprechende Profilinformationen verfügen sollten. Das trifft noch nicht auf jeden Bewerber zu. Skeptiker empfinden die mobile Darstellung und die Mini-Tastatur als zu umständlich und unübersichtlich und fürchten, dass eine mobil erstellte Bewerbung weniger seriös wirkt.

Katzen-Bewerbungs-Meme
Mobil erstellte Bewerbungen wirken unseriös? Das befürchten Skeptiker unter den Fachkräften. Quelle: flickr.

Der grundsätzlich wachsenden Bereitschaft auf Bewerberseite, die technologischen Möglichkeiten auszuschöpfen, stehen laut einer Studie von meinestadt.de und der Hochschule RheinMain 43,2 % der potenziellen Arbeitgeber gegenüber, die keinen mobil optimierten Online-Auftritt vorweisen können. So etwas missfällt fast jedem zweiten Bewerber: 46,6% der Fachkräfte haben schon einmal eine Online-Bewerbung abgebrochen, davon jeder Zehnte, weil die Stellenanzeige oder die Karriereseite auf dem Smartphone einen negativen Eindruck hinterließ. Können es sich Unternehmen angesichts der zunehmenden Verknappung der Ressource Mensch noch leisten, den mobilen Rekrutierungsprozess aus ihrer HR-Strategie auszublenden? Glaubt man aktuellen Studien, so sind Unternehmen, denen es gelingt, die Potenziale des Mobile Recruitings auszuschöpfen, klar im Wettbewerbsvorteil – und das nicht nur im Hinblick auf Kandidaten der Generationen Y und Z. Doch wo liegen diese?

Was bedeutet Mobile Recruiting? Das fragen sich (leider) auch viele Unternehmen.

Mobile Recruiting steht als Oberbegriff für den gesamten Bewerbungsprozess per Smartphone oder Tablet. Dieser setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen, die wir später näher betrachten wollen: angefangen bei der Stellenanzeige und deren Darstellung auf verschiedenen Portalen über den Internetauftritt des Unternehmens bis hin zum Abschluss des Bewerbungsverfahrens. Auch wenn für den kompletten Mobile-Recruiting-Prozess in Wahrheit vielleicht ein paar Klicks mehr erforderlich sind als ein einziger, so sollte dieser doch bequem, schlank und erfreulich verlaufen, anstatt den potenziellen Kandidaten direkt, mittendrin oder noch kurz vor Abschluss der Bewerbung zu vergraulen. Klingt logisch, scheint es aber für viele Firmen noch nicht zu sein.

Der meinestadt-Studie zufolge verfügt ein Drittel der befragten Unternehmen nicht über einen mobile-kompatiblen Bewerbungsprozess. Als Grund dafür geben die meisten an, sich schlicht und ergreifend noch nicht mit dem Thema beschäftigt zu haben. Andere finden gar, dass ihnen die Bewerbungen, die sie offline erreichen, genügen. Ob sie sich den Luxus dieser Annahme auch in Zukunft noch leisten können, ist fraglich. Schon jetzt bewerben sich 76,7 % der Kandidaten per E-Mail.

Im Falle der Young Professionals und Studenten sind die Zahlen noch deutlicher. Absolventa hat in Zusammenarbeit mit jobnet diese Gruppe bereits 2014 nach der Bedeutung des Mobile Recruitings für die Zukunft gefragt. Ganze 97 % waren vor mehr als drei Jahren schon überzeugt, dass die mobile Jobsuche eine wichtige Rolle für das Zustandekommen eines Arbeitsverhältnisses spielen wird. Den Ergebnissen der Studie folgend, trägt diese den aussagekräftigen Titel “Generation Mobile”, Untertitel: “Junge Bewerber vollziehen den Medienwechsel bei der Jobsuche – warum Unternehmen jetzt reagieren müssen.” Beleuchtet wird die Generation Y, von der bereits 60 % einen Arbeitgeber als unattraktiv wahrnehmen, dessen mobile Präsentation nicht stimmt. 85 % der Young Potentials erwarten mobil optimierte Unternehmensinfos, 79 % wollen dasselbe für Stellenanzeigen und bereits 40 % wünschen sich ein One-Click-Bewerbungsverfahren.

Unternehmen, die dieser Erwartungshaltung an den mobilen Rekrutierungsprozess gerecht werden, haben auf dem Bewerbermarkt der Zukunft offenbar gute Chancen auf Profis und neue Talente. Doch was muss Mobile Recruiting können, um wirksam zu sein? Sehen wir uns die verschiedenen Teilbereiche, auf die es ankommt, ein bisschen genauer an.

1. Die mobile Stellenanzeige oder: Ist Erstkontakt überbewertet?

Sieht man vom Active Sourcing durch Recruiter mal ab, ist die Stellenanzeige in der Regel der erste Kontakt zwischen Unternehmen und Bewerbern. Vielleicht haben wir uns auf einem der großen Stellenportale angemeldet und bekommen Vorschläge ins Postfach. Oder wir befinden uns auf der Karriereseite eines Unternehmens und klicken eine Stelle an. Kennen Sie diese Mini-Abbildungen von Desktopversionen? Eine nicht mobil optimierte Version der Stellenanzeige kann bei vielen Bewerbern einen ähnlichen Effekt auslösen wie ein zähnefletschender Rottweiler im Vorgarten: Nichts wie weg hier.

Doch die mobil optimierte Stellenanzeige muss noch weit über ihre Responsivität hinaus gedacht werden. 41 % der 20.000 von StepStone befragten Fachkräfte geben an, mit dem äußeren Erscheinungsbild mobiler Stellenanzeigen nicht zufrieden zu sein, wobei Unübersichtlichkeit das größte Problem darstellt. Die reine Beschränkung auf Fließtext bietet sich für den mobilen Konsum weniger an, da der User zum “Scannen” statt Lesen neigt und daher Ankerpunkte braucht, an denen sein Blick haften bleiben kann. Bulletpoints lockern die Struktur eines Textes grundsätzlich auf. Wer noch einen Schritt weitergehen möchte, integriert übersichtlich gestaltete Informationsboxen. Optisch vom Textteil abgegrenzt, können sie die wichtigsten Informationen der Stelle zusammenfassen. So kann der mobile User auf den ersten Blick erkennen, ob die Position etwas für ihn sein könnte und er weiterlesen möchte oder nicht.

next level One-Klick-Bewerbung
Mobile Ansicht einer Stellenanzeige auf nextlevel.de: Optische Zweiteilung für gute Lesbarkeit unterwegs und zuhause. Der “Jetzt bewerben”-Button erlaubt die One-Click-Bewerbung.

Bei der mobil optimierten, optisch zweigeteilten Stellenanzeige sollten die Bemühungen um einen positiven ersten Eindruck jedoch nicht aufhören. Für Desktop und Mobile gilt gleichermaßen: Derzeit sind nur 24 % der Bewerber mit dem Inhalt der heutigen Stellenanzeigen zufrieden, vermissen klare Informationen und realistische Anforderungen. Am Erstkontakt lässt sich vielerorts insgesamt noch einiges verbessern, das weiß jeder, der online auf Jobsuche ist.

Doch was nützt eine mobil optimierte Stellenanzeige, wenn keiner sie liest? Das Verfassen einer guten Anzeige ist im digitalen Zeitalter mit der Notwendigkeit verbunden, sich auch um Verbreitung und Darstellung zu kümmern. Um die großen Online-Stellenbörsen kommt man als mitarbeitersuchendes Unternehmen kaum herum. Fachkräfte wachsen nicht auf Bäumen, aber viele sind durchaus wechsel- und umzugswillig. Wo schauen die zuerst? Genau. Hier darf man als User in der Regel mit einem hohen Grad der mobilen Optimierung rechnen – oder direkt mit einer eigenen App, wie Millionen von Downloads von StepStone oder Indeed zeigen. Zudem gibt es spezialisierte Börsen für verschiedene Branchen, bei der die Schaltung sich ebenfalls lohnen kann. IT-Professionals oder Ingenieure suchen kaum auf den großen Generalisten, sondern sind – wenn überhaupt – auf Nischen-Jobboards unterwegs. Auch Social Media-Kanäle wie Facebook werden heute vermehrt von Unternehmen zur Anzeigenschaltung eingesetzt.

2. Der Online-Auftritt oder: Wie man es sich mit guten Bewerbern verdirbt.

Der eigene Internetauftritt ist die erste große Chance für ein Unternehmen, sich darzustellen. Jeder, der sich im Netz bewegt, stößt auf Websites, deren Betreiber das scheinbar noch nicht begriffen oder zumindest noch nicht umgesetzt haben. Die Website ist eine Visitenkarte, deren Vernachlässigung dem Besucher direkt in den Finger schneidet. Eine “schlechte” Internetpräsenz schreckt meist gerade diejenigen ab, die die Firma für Modernisierung und Digitalisierung gut gebrauchen könnte – es sei denn, die Herausforderung weckt die Abenteuerlust eines Entwicklers oder Concepters.

Besonders Unternehmen, die ohnehin Mobile Recruiting in ihre Strategie mit einbeziehen, sollten also eine responsive Website besitzen, die sowohl technologisch als auch inhaltlich auf einem guten Stand ist. Das betrifft besonders die Karriereseite. Eine Mähmaschinenbaufirma braucht dafür keinen stylishen Webauftritt im Instagram-Stil (obwohl, warum eigentlich nicht?) – aber sollte mobil gut lesbar über alle wichtigen Informationen verfügen, den Kandidaten angemessen adressieren und ihm die Möglichkeit bieten, sich direkt zu bewerben.

3. Das Bewerbungsformular oder: Nennen Sie Ihre zweite Muttersprache!

Schlechtes Bewerbenformular.
Und tschüss! Solche mobilen Formulare haben die Aktualität von Faxgeräten: Die Hälfte der Bewerber macht laut meinestadt.de auf dem Absatz kehrt.

Wer sich schon mal auf einer Online-Stellenbörse wie StepStone oder Indeed angemeldet und seine Suchinformationen angegeben hat, kennt die Benachrichtigungen im Postfach. “Wir haben X passende Jobangebote für Sie gefunden”, flötet der Betreff, in der Mail befindet sich eine Liste der potenziellen nächsten Arbeitgeber. Bei Interesse klickt der eventuelle Top-Kandidat auf einen Job – und begegnet noch viel zu oft Unannehmlichkeiten wie einem unfreiwillig eingeleiteten PDF-Download des Angebots oder einem grauenhaften Bewerbungsformular. Je ausführlicher, desto unerfreulicher ist das, gerade auf dem Smartphone. Die HR-Abteilungen sollten sich heute im Sinne der Verschlankung fragen, welche Angaben und Dokumente für die jeweilige Position wirklich zu einer so frühen Stunde des Prozesses notwendig sind.

Nur etwas mehr als ein Drittel der von meinestadt befragten Unternehmen bietet derzeit mobil optimierte Bewerbungsformulare an, noch weniger die One-Click-Bewerbung, bei der die Daten des Aspiranten automatisch aus Xing oder LinkedIn gezogen werden. Das entspricht der Wahrnehmung auf Bewerberseite: 90 % bekommen Jobs per E-Mail angeboten, ein mobil optimiertes Formular konnte jedoch bislang nur die Hälfte nutzen. Die Möglichkeit zur One-Click-Bewerbung bestand für ein Viertel. Dabei würden sich 73 % der Fachkräfte gern mobil bewerben. 68,5 % der Befragten erwarten von einem Unternehmen gar die Möglichkeit dazu.

Bequeme Bewerbung über Xing, Linked-In und E-Mail.
Schnittstellen zu beruflichen Netzwerken oder eine einfache E-Mail-Funktion ermöglichen Bewerbungen via Smartphone, Tablet und Co. Quelle: nextlevel.de

Die meisten Online-Bewerbungsformulare kommen bislang vorwiegend den Unternehmen zugute, wo die Daten bequem im internen Bewerbermanagement-System landen. Die Eingabemaske diktiert eine strikte Ordnung für die Präsentation der Bewerber, Raum für eigene Ideen bleibt nicht. Besonders Quereinsteigern fällt es schwer, ihre Stärken in einem derartigen Formular herauszustellen. Wenn Wochen nach dem mühseligen Ausfüllen dann eine automatisierte Standardabsage kommt, fragt man sich, ob überhaupt je ein menschliches Wesen das Formular gesichtet hat. Gerade Unternehmen, die offen für Talente ohne straighten Lebenslauf sind (und diese werden vermutlich in Zukunft zu den wenigen noch verfügbaren Ressourcen gehören), sollten dieses Format für ihr Mobile Recruiting überdenken.

Darum geht’s im nächsten Teil unserer Mobil-Recruiting-Reihe

Was Mobile Recruiting betrifft, so müssen viele Unternehmen noch die Segel in Richtung Zukunft setzen. Wohin die Reise geht, das schauen wir uns im nächsten Teil mal genauer an: Wir nehmen Job-Apps unter die Lupe, betrachten die sich verändernde Rolle der Unternehmen und werfen einen Blick auf das Mobile Recruiting von morgen.