Helden der IT

Linus Torvalds: Ein Teufelsker(ne)l greift nach den Sternen.

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Was macht man, wenn man mit den Möglichkeiten der eigenen Hardware nicht zufrieden ist? Man disassembliert das Betriebssystem, programmiert sich die Controller gleich selbst – und bastelt dann eben den später weltweit bekanntesten Open-Source-Kernel! Zumindest, wenn man dem Beispiel unseres heutigen "Helden der IT" folgen möchte: Linus Torvalds.

Linus Torvalds bei einem Vortrag
Linus Torvalds in einer Q&A-Session zur Kompetitivät von Linux im Desktopbereich. Bild: Youtube.

Man schrieb den 28. Dezember 1969 in Helsinki, als die Finnlandschweden Anna und Nils Torvalds ihren Sohn Linus auf der Welt begrüßten. Die 68er waren in vollem Schwung, die glücklichen Eltern noch an der Uni und Teil der Studentenbewegung. Die Welt war in Ordnung, man trug Miniröcke, Hippies trafen sich bei Happenings nach Woodstock-Manier, die Beatles und Bob Dylan lieferten den Soundtrack dazu. Und der Markt für Heimcomputer? – steckte ähnlich dem kleinen Linus höchstens in den Kinderschuhen.

Vom Vorzeige-Nerd zum Open Source-Pionier

Wir spulen vor bis ins Jahr 1980, überspringen die Geburt seiner Schwester und die Scheidung seiner Eltern. Linus Torvalds beschreibt sich in seiner Schulzeit heute als typischen Nerd – zu große Schneidezähne, zu große Nase, kein Modebewusstsein und Topnoten in Mathe und Physik. In dieser Zeit hatte Torvalds über seinen Großvater den ersten Kontakt zu einem Heimcomputer. Leo Törnqvist benutzte als Statistiker einen Commodore VC 20 für seine mathematischen Berechnungen und ließ seinen Enkel die kleinen BASIC-Programme, die er dafür schrieb, in den Rechner eintippen. Der kleine Linus verstand nichts, wurde aber neugierig. Und so geriet der Stein ins Rollen.

In den darauffolgenden Jahren begann Torvalds, fleißig Computer-Handbücher zu lesen. Die dort verzeichneten Beispielprogramme (10 PRINT "Hello World!") und einfachen Spiele dienten ihm als Einstieg in die Materie. Seine ersten ernsthaften Gehversuche in der Programmierung machte er schließlich an einem Sinclair QL, den er sich über Ferienjobs und einen Kleinkredit finanziert hatte. So disassemblierte er etwa das Betriebssystem, nachdem er einige Fehler entdeckt hatte und entwickelte eigene Programmiertools. Auch seinen Floppy-Controller reprogrammierte er, weil er mit dem unzuverlässigen Laufwerk des Geräts nicht zufrieden war.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Minix-Buch von Andres S. Tanenbaum
Das Buch zu Minix, das Torvalds Leben verändern sollte: Operating Systems. Design and Implementation, von Andrew Tanenbaum.

Das Genie hinter dem Tüftler blieb allerdings zuerst verkannt. Die Programme, die Torvalds damals entwickelte, schickte er auch an Fachzeitschriften – allerdings mit wenig Erfolg. So wurde eines seiner Spiele abgelehnt, da es noch in Assembler programmiert war. Ende der 80er-Jahre wechselte Torvalds vom Gymnasium zur Uni und schrieb sich in Helsinki für Informatik, Physik und Mathematik ein. Gerade rechtzeitig, denn 1990 stellte die Uni ihre IT-”Infrastruktur” (in Anführungszeichen, da ein einzelner VAX-Rechner) auf Unix-Basis um. Um sich gebührend auf die Vorlesungen zur neuen Technologie vorzubereiten, kaufte Torvalds sich das Buch, das nach eigenen Angaben sein Leben verändern sollte: “Operating Systems Design and Implementation” von Andrew S. Tanenbaum. Das dort vorgestellte Minix, ein Lehrbetriebssystem auf UNIX-Basis, war nicht frei von Fehlern und ermutigte Torvalds zu eigenen Modifikationen.

Mit seinem ersten eigenen Rechner, 386er IBM, modifizierte er die Taskwechsel-Funktion und programmierte einen eigenen Terminal-Emulator. Damit gelang es ihm, sich remote ins Uni-Netz einzuwählen. Nach der Entwicklung erst eines eigenen Festplatten- und schließlich eines Dateisystemtreibers nahm der mutierte Emulator langsam aber sicher betriebssystem-ähnliche Züge an – und damit war allmählich klar, wohin die Reise ging.

Ein FreaX aus 10.000 Codezeilen

An der Uni Helsinki bekam man durch Torvalds öffentliche Changelogs und Hilfsanfragen schnell Wind von seinem Vorhaben und bot dem Tüftler Platz auf dem eigenen FTP-Server an. Das Software-Schätzchen sollte schließlich auch öffentlich zugänglich sein. So kam es dann auch: Kurz nach der Ankündigung seiner Arbeit stellte Torvalds Version 0.01 des Kernels (immerhin 10.000 Codezeilen stark) mitsamt der dazugehörigen Shell zur Verfügung. Entgegen seiner Erwartung unter dem Namen “Linux”. Zuvor hatte er zwar über diesen Namen nachgedacht, ihn aber als zu egoistisch wieder verworfen. Eigentlich präferierte er den Namen “Freax” als Zusammenziehung aus den Worten “free” und “freak” sowie dem X aus Unix. Ari Lemmke, Torvalds Kontakt an der Uni und seines Zeichens Herr über deren FTP-Server, gefiel diese Bezeichnung jedoch nicht – so landete der Kernel schließlich doch als Linux auf dem Server.

TuxWoher kommt eigentlich Tux?
Nach einem Aquarium-Besuch kam Torvalds auf einen Pinguin als Linux-Maskottchen. Er beschrieb das Tier als glücklich aussehend, wie nach einer Maß Bier und dem besten Sex seines Lebens. Zudem habe Tux auch etwas Ente in den Genen. Gegnern des vermeintlich uneleganten Pinguins entgegnete Torvalds nur: „Sie haben wohl noch nie einen wütenden Pinguin gesehen, der mit über 100 Meilen auf einen zurast.“ Tux steht dabei nicht nur als Akronym für Torvalds Unix, sondern klingt bewusst auch wie Tuxedo, Englisch für Smoking.

Version 0.02 bewarb Torvalds dann bereits in Newsgroups, nahm Änderungshinweise sowie Fehlermeldungen auf und konnte so über Monate hinweg zahlreiche Anregungen umsetzen. Anfangs sperrte er sich der kommerziellen Nutzung von Linux noch, doch dann erfuhr er in einem Vortrag von Richard Stallman über das GNU-Projekt zur Erstellung eines freien Betriebssystems und entschied sich schließlich Anfang 1992, sein Projekt unter die GPL (GNU General Public License) zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Linux bereits mehr aktive Nutzer als Minix – das Derivat hatte seine Ursprünge hinter sich gelassen. Minix-Schöpfer Tanenbaum selbst kritisierte das Konzept von Linux prominent, konnte damit jedoch nichts daran ändern, dass Kernel und Betriebssystem rasend schnell Anklang fanden – nicht zuletzt durch die mittlerweile offene Lizenz auch auf zahlreiche andere Plattformen portiert.

Version 1.0: Release noch ohne Pinguin

Bis Torvalds schließlich Version 1.0 im Audimax der Uni und im finnischen Fernsehen präsentierte, sollte es noch zwei Jahre dauern. Vorher galt es zudem, seine spätere Ehefrau kennenzulernen: Als Torvalds 1993 unbedarft einen Einführungskurs Informatik leitete und als Hausaufgabe den Versand einer E-Mail aus der Shell heraus forderte, meldete sich die Kursteilnehmerin Tove Monni mit der Bitte um ein Rendezvous. Damit hatte die junge Karatemeisterin und Kindergärtnerin durchschlagenden Erfolg. Torvalds Mutter, die sich Sorgen machte, dass Linus wegen seiner Liebe zu Katzen und Computern nie eine Freundin finden werde, freute sich später darüber, dass “doch die Natur, wie es ihre Gewohnheit ist, den Sieg davon getragen hatte”.

Kurze Zeit später zogen die beiden bereits zusammen. In seiner nach eigener Aussage längsten Zeit ohne Computer (seine Zeit bei der Armee nicht eingerechnet) hielt Torvalds es immerhin zwei Wochen aus, bevor er seinen Rechner in die neue Wohnung holte. 1995 erhielt Torvalds ein Praktikumsangebot von Intel, das dieser aber ausschlug – hätte er dafür doch ad hoc in die USA ziehen und sein Studium abbrechen müssen. Der Keim, irgendwann in die Staaten zu ziehen, war damit aber gepflanzt. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres war es dann soweit: Torvalds folgte dem Angebot eines Bekannten, in Kalifornien für den CPU-Hersteller Transmeta an Interpretern zu arbeiten. Dafür stellte er noch Ende 1996 an einem langen Wochenende seine Masterarbeit auf die Beine (Thema: Linux, a portable operating system). Was ihm aber für ein erfülltes Jahr noch nicht genügte: Tove und Linus begrüßten auch noch ihre erste Tochter auf der Welt, heirateten kurze Zeit später und schlossen den Umzug nach Kalifornien endgültig ab.

Vorlauter Vorreiter

Linus Torvalds zeigt nVidia den Mittelfinger
Konstruktive Kritik konnte Torvalds schon immer treffend artikulieren. In diesem Bild an nVidia. Bild: Youtube.

Bei Transmeta, seinem von da an langjährigen Arbeitgeber, konnte Torvalds vertraglich abgesichert weiterhin an Linux feilen. Dabei traf er im Laufe seiner Tätigkeit einige damals schon große Tiere im Silicon Valley, etwa Steve Jobs und Bill Joy – auch wenn sich deren Ansichten zum Thema Open Source nicht immer deckten. Seine Meinung klar auszudrücken bereitete Torvalds ohnehin nie Probleme: Lautstark und mitunter beleidigend nahm er sich mit MacOS, nVidia, Microsoft mitsamt Bill Gates, Intel, C++ und vielen weiteren schon das Who-is-Who der Tech-Industrie zur Brust. Kurzum: Wer heute im Silicon Valley etwas auf sich hält, muss auf jeden Fall eine Beleidigung von Torvalds in seinem Portfolio vorweisen können.

1998 stand dann der nächste große Schritt an. Nicht nur wurde Torvalds’ zweite Tochter geboren, auch wurde (für IT-Experten wahrscheinlich interessanter) die Akzeptanz von freier Software und damit Linux entscheidend geboostet, als mit Sun und Adaptec zwei damalige Big Player der NPO Linux International beitraten. Auch andere Produkte, etwa Apache und der Netscape Navigator, erschienen künftig unter der Flagge offener Software. Torvalds und seine Organisation wurden damit bald zu den Galionsfiguren dieser Bewegung und zierten so bereits im gleichen Jahr das Cover des Forbes-Magazine, das in der gleichen Ausgabe der freien Software einen Themenschwerpunkt widmete. Torvalds selbst legte nach eigenen Angaben seinen Fokus auf seine analogen Sprösslinge und widmete alle freien und professionellen Stunden der Linux-Pflege.

Ein Projekt fürs Leben

Dieser Einsatz machte sich bis dato allerdings noch nicht in seinem Konto-Saldo bemerkbar. Zwar hatte er zum Dank für seinen Einsatz Aktienoptionen von Red Hat und VA Linux erhalten, die aber für ihn seinerzeit ohne deren Notation noch uninteressant waren. Als Red Hat dann 1999 schließlich überaus erfolgreich an die Börse ging und kurz danach auch VA Linux im bis dato erfolgreichsten Börsengang aller Zeiten folgte, zog Familie Torvalds von der einfachen Doppelhaushälfte in eine stattliche kalifornische Villa – gerade rechtzeitig, um der dritten Torvalds-Tochter einen ansprechenden Empfang zu bieten.

Zuwachs hin oder her, seinem ersten Baby namens Linux galt von Anfang an Torvalds’ besondere Aufmerksamkeit. So wundert es nicht, dass er Transmeta 2003 hinter sich ließ und bei Open Source Development Labs anfing, einer NPO zur Förderung der Adaptionsrate von Linux im Enterprise-Bereich. Die neue Villa war kaum warmgewohnt, da ließen die Torvalds sie direkt wieder hinter sich, um näher an Linus neuem Arbeitsplatz in Oregon zu wohnen. Aus der OSDL ging 2007 die Linux Foundation hervor, Torvalds selbst ist bis heute Teil der neuen Organisation – und arbeitet nach wie vor an der Weiterentwicklung des Kernels. Die Welt ist nicht mehr ganz so in Ordnung, Miniröcke sind nicht mehr das, was sie mal waren, Hipster haben die Hippies abgelöst – und auch in Sachen (Heim-)Computern hat sich einiges getan. Ein linuxbasiertes Betriebssystem dominiert die Smartphone-Welt und freie Software gehört zum Enterprise-Bereich wie der Schnabel zum Pinguin. Die verbindende Konstante: Linus Torvalds, seines Zeichens Genie und als Mensch eine echte Marke.