Helden der IT

GUIstatten, Douglas Engelbart

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Was verbindet fensterbasierte Betriebssysteme, das Internet und die Computer-Maus? All diese heutigen technologischen Alltäglichkeiten verband ein Mann schon Ende der 1960er-Jahre in seiner Vision. Und legte mit seiner Präsentation dieser Konzepte direkt noch den Grundstein für den anhaltenden Hype um Produktvorstellungs-Keynotes. Unsere heutige Heldengeschichte: Douglas Engelbart und wie er die Welt sah.

Douglas C. Engelbart, Pionier der Mensch-Maschine-Interaktion.
Douglas C. Engelbart, 2008. (Quelle: Alex Handy aus Oakland, Nmibia, Douglas Engelbart in 2008, CC BY-SA 2.0)

Wenn Sie diesen Artikel lesen, hatten Sie heute höchstwahrscheinlich schon Kontakt zur – auf den ersten Blick – wichtigsten Erfindung unseres Helden. Im Laufe Ihres Lebens haben Sie damit bereits so manchen Kilometer zurückgelegt. Hier geht es allerdings weder um den Bürostuhl, in dem Sie sitzen, oder Ihr treues Fahrrad, sondern um Ihren X-Y-Positionsanzeiger, auch genannt: Computermaus. Bevor wir allerdings zu dieser Station im Leben unseres Helden kommen, spulen wir doch noch kurz etwas zurück.

Idealist von Anfang an

Douglas Carl Engelbart erblickte am 30. Januar 1925 als mittleres dreier Geschwister in Portland, Oregon das Licht der analogen Welt – in einer Zeit lange vor der Mensch-Maschine-Interaktion mittels grafischer Benutzeroberflächen. Sein Vater, seines Zeichens Elektrotechniker und Besitzer eines Fachgeschäfts für Funk und Radio, verstarb, als Douglas neun Jahre alt war. Dessen Fußstapfen folgend, nahm er 1942 das gleiche Studium in Angriff. Angesichts des seit 1939 wütenden Krieges schien es umso glücklicher, dass Engelbart erst kurz vor dessen Ende eingezogen wurde. Zwei Jahre auf den Phillipinen als Radar-Techniker stationiert, musste sein Bachelor of Science noch bis 1948 warten. Nach dieser Verzögerung ging es für Engelbart dann allerdings geradlinig weiter. Die erste Station bis Anfang der 1950er: Ein Arbeitsplatz in der Windtunnelforschung beim “National Advisory Committee for Aeronautics”, dem Vorläufer der heutigen NASA. Doch dieser kurze Einsatz im ordinären Berufsleben reichte, um ihn in eine Sinnkrise zu stürzen: Mit Mitte 20 keine anderen Ziele zu haben, als “einen sicheren Job, eine Hochzeit und dann Glücklichsein bis ans Lebensende” – das gab ihm zu denken und die Idee eines Fünf-Punkte-Plans für seine Zukunft. Der Tenor: Die Welt durch umfassende Kollaboration aller Menschen zu verbessern. Das organisierte Kollektiv zeichnete sich schon hier als Engelbarts Ansatz zur Lösung vieler humanistischer Probleme ab.

Douglas C. Engelbarts wohl bekannteste Erfindung: Die Computer-Maus.
Glücklicherweise sind Sie heute etwas ergonomischer. (Quelle: SRI International, SRI Computer Mouse, CC BY-SA 3.0)

Aus dem Windtunnel zur Mutter aller Keynotes

Dieser Idealismus und ein stetiger Lebensunterhalt ließen sich für Engelbart am besten in der Academia verknüpfen. So verließ er seine Windtunnel und schrieb sich an der UC Berkeley ein, um 1955 schließlich seinen Doktor zu erhalten. Auch seine erste Gattin lernte er in dieser Zeit kennen. In seiner darauf folgenden Position am SRI (Stanford Research Institute) konnte er bis 1962 bereits über ein Dutzend Patente beantragen und seine frühe Vision einer Schwarmintelligenz in seiner Agenda “Augmenting Human Intellect: A Conceptual Framework” ausformulieren. Die wichtigste Folge für Engelbart: Die Aufmerksamkeit und Unterstützung der damaligen ARPA, der amerikanischen Behörde für technologische Forschungsprojekte. Mit ihrer Hilfe war es ihm möglich, ein neues Team im Augmented Research Center hochzuziehen, dem Institut, das mit der Entwicklung visionärer Konzepte wie Bitmap-Bildschirmen, Hypertext-Navigation, frühen Collaboration-Tools und ersten GUI-Vorläufern die IT-Welt nachhaltig prägen sollte. All diese Faktoren brachte man schließlich mit dem oN-Line System (sic), genannt NLS, am 9.12.1968 publikumswirksam unter einen Hut.

In der nachträglich oft als “Mother of all Demos” bezeichneten Live-Präsentation wurde das System mit allen Hard- und Software-Einzelheiten umfassend demonstriert. In 90 Minuten hinterließ Engelbart einen Einschlag in der Computergeschichte, der mit dem Aufkommen fensterbasierter Betriebssysteme noch 20 Jahre später und darüber hinaus ein spürbares Nachbeben hinterließ. Womit wir zurück am Anfang wären: In der Menge aus neuen Features des NLS kam es natürlich auch auf eine zielführende Navigation an. Ein Problem, für dessen Lösung Engelbart neben der kabelgebundenen Tastatur bereits eine Lösung parat hatte, namentlich ein unscheinbares Holzkonstrukt mit einzelner Taste, einem Drehschalter und zwei Rädern. Dieser “X-Y-Positionsanzeiger für ein Bildschirmsystem” wurde wegen seiner Kabelanbindung schließlich als einfach als “Maus” salonfähig. Die interne Bezeichnung des Cursors auf dem Bildschirm: “Bug”. QA-Experten auf aller Welt dürfen sich an dieser Stelle freuen, dass dieser Begriff sich nicht durchsetzen sollte…

Douglas C. Engelbart, Visionär.
Douglas C. Engelbart, möglicherweise 1968. (Quelle: XKCD)

Nager mit Startschwierigkeiten

Auch die Maus hatte einige Akzeptanzschwierigkeiten, war sie ihrer Zeit (und der allgegenwärtiger GUIs) doch weit voraus. Einige Jahre später lizenzierte das SRI das Patent für 40.000 US-Dollar an Apple – und damit sprichwörtlich für einen Apfel und ein Ei, wenn man bedenkt, dass allein bei Hersteller Logitech bereits 2008 die milliardste Maus vom Band lief. Da sich mit theoretischer Forschung und Idealismus ohnehin keine Familien ernähren lassen, wanderte Engelbarts Team nach und nach aus Frustration und unüberwindbaren Differenzen ins Unternehmensumfeld ab. Das SRI verlor zusammen mit Engelbart an Bedeutung und wurde vom neuen Management an ein privates Unternehmen transferiert und 1984 schließlich vom Luftfahrt-Riesen McDonnell Douglas aufgekauft. Zwei Jahre später verließ Engelbart das Unternehmen und gründete zusammen mit seiner Tochter Christina das “Bootstrap Institute”, um sich erneut idealistisch und frei von unternehmerischem Druck voll und ganz seinen Bemühungen nach globaler Vernetzung und offenen Hypertextsystemen zuzuwenden. Auch die Öffentlichkeit wurde so wieder auf den Maus-Erfinder aufmerksam: Mit neuen Zuschüssen der DARPA und der National Science Foundation widmete er sich erneut der Erforschung von Wegen zur kollektiven Intelligenz und wurde Mitglied in diversen Gremien zur Technikfolgenabschätzung. Nach und nach entstieg Engelbart so in den 1990er-Jahren wieder der Versenkung, seine Bedeutung geriet wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück.

Die unnachgiebige Natur zeigte sich von seiner technologischen Vision leider unbeeindruckt. Engelbart erkrankte 2007 an Alzheimer und verstarb schließlich nach langem Kampf mit der Krankheit im Jahr 2013 an Nierenversagen. Sein Vermächtnis bleibt neben vielen techno-philosophischen Anstößen und praktischen Erkenntnissen in Sachen Human Interface Design vor allem in einer Form bestehen – mit unzählig vielen Ausprägungen: Mechanisch oder optisch, mit oder ohne Scrollrad, Touch-Oberflächen hin oder her, voller Daumentasten oder in reduzierter Eleganz, kabelgebunden oder wireless. Auch wenn es für Touchscreen-Junkies bereits soooo einen Engelbart hat – mit diesem Vermächtnis wird die Menschheit noch viele Millionen Kilometer zurücklegen. In diesem Sinne: Maus, halt die Ohren steif.