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Freiheit gegen Sicherheit? Wo ITler Vor- und Nachteile im Freelancing sehen

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IT-Freelancing ist auf dem Vormarsch! Zu diesem Ergebnis kommt eine Marktstudie, die zum zweiten Mal in Folge von der Projektplattform freelancermap.de unter mehr als 1.100 Selbständigen im IT-Bereich durchgeführt wurde. Hauptaugenmerke der Befragung waren Trends in den Bereichen Finanzen, Selbständigkeit, Demografie sowie die Zukunft der Zunft. Die Ergebnisse haben wir uns zusammen mit zwei unserer (ehemaligen) Freelancer mal genauer angesehen.

 IT-Freelancer Christian unterwegs im Gebirge
Wenn die Welt dein Zuhause ist, bekommt “Home Office” eine ganz neue Bedeutung. (Foto: Christian Kraus)

Von den rund 1,38 Millionen selbständigen freien Mitarbeitern in Deutschland sind etwa 100.000 in der IT beschäftigt. Nochmal so viele IT-Freelancer dürfte es in der gesamten DACH-Region geben. 1.112 davon haben im Rahmen der Marktstudie “Freelancer-Kompass 2017” insgesamt 46 Fragen beantwortet. In Form eines Online-Fragebogens gaben die Teilnehmer Aufschluss über ihre finanzielle Situation, die Vor- und Nachteile der Selbständigkeit sowie die demografische Zusammensetzung des Berufsstands.

Wir sehen uns die Studienergebnisse gemeinsam mit zwei geschätzten Kollegen an: Unser Freelancer Christian hat mittlerweile wahrscheinlich mehr von der Welt gesehen als wir übrigen Nextleveler alle zusammen. Seit drei Jahren setzt er unsere Ideen aus Neuseeland, Marokko, Laos, Madagaskar, Japan oder wo er sonst gerade so steckt, um. Eine Wohnung in Deutschland braucht er nicht, sein Büro wiegt anderthalb Kilogramm und passt prima in seinen leichten Rucksack. Nur ein paar Mal im Jahr schaut Christian in natura bei uns vorbei. Mit uns am Tisch sitzt auch unsere Personalberaterin Simone, die fünf Jahre als Freelancerin im HR-Bereich unterwegs war und von der schwierigen Anfangsphase bis zur Überfrachtung mit Aufträgen so einiges erlebt hat. Inzwischen ist sie als eine unserer IT-Personalberaterinnen in Festanstellung glücklich.

Finanzielle Situation: Der durchschnittliche Stundensatz der Freelancer steigt

Es geht gut los: Der durchschnittliche Netto-Stundensatz der Freelancer ist im Vergleich zum Vorjahr um 6,37% angestiegen. Während der Satz 2016 noch bei 82,13 € lag, dürfen sich Freie 2017 im Durchschnitt über 87,36 € pro Stunde freuen. Die meisten Freelancer (18,17%) setzen einen Stundensatz zwischen 70 und 79 € an. Ca. 7% der Freelancer bekommen einen Stundensatz von über 130 €, 5,31% verdienen unter 50 € pro Stunde. Dabei schneidet die Altersgruppe der 40-49-jährigen finanziell am besten ab: sie erhalten im Durchschnitt 90,17 €. Die unter 30-jährigen sind mit 75,74 € pro Stunde am unteren Ende der Verdienstskala angesiedelt.

IT-Freelancer: Stundensatz-Vergleich 2016 bis 2018
Eine Prognose zum Stundensatz, die IT-Freelancer freuen dürfte! (Quelle: freelancermap.de)

Die Einkommensentwicklung gegenüber dem Vorjahr setzt positive Zeichen: 40,2% der Freelancer nehmen 2017 mehr ein als 2016. Lediglich bei 12,32% ist das Einkommen gesunken. So darf man für 2018 von einer positiven Gesamtentwicklung des zukünftigen Freelancer-Einkommens ausgehen, und zwar hin zu einem Stundensatz von durchschnittlich 92 Euro.

Der Arbeitsalltag des Freelancers: Herausforderungen, Vor- und Nachteile

“Zu Beginn ist es mir nicht leicht gefallen, im knallharten Wettbewerb den Wert meiner Arbeit und meiner Dienstleistung zu bestimmen und bei potenziellen Kunden zu platzieren”, erzählt Simone. “Der Spagat zwischen ‘Ich muss gut davon leben können’ und der Unsicherheit, ob mein Preis angemessen ist, war sehr schwierig.”

Am Freelancing empfundene Nachteile.
Das schwankende Einkommen und die Auftragsakquise werden als größter Mangel am Freelancing wahrgenommen. (Quelle: freelancermap.de)

Damit ist Simone nicht allein: Als größten Nachteil sehen 51,8% der Freelancer das schwankende Einkommen. Zum Zeitpunkt der Befragung befanden sich 76,53% aktuell in einem Projekt. Die übrigen 24,47% überbrückten entweder Zeit zwischen zwei Projekten oder hatten aufgrund einer schlechten Auftragslage keine neue Aufgabe in Aussicht. Die meisten Projekte (56,92% ) dauern bis zu einem Jahr. Nur 3,87% der Freelancer befinden sich länger als fünf Jahre in ein und demselben Projekt.

Als zweitgrößten Nachteil am Freelancing geben 50,27% der Teilnehmer die Auftragsakquise an. 37,68% sind besonders genervt von Zahlungsverzug, und am unbezahlten Urlaub haben 34,26% zu knabbern. Die Buchhaltung empfinden 26,89% als lästig. Christian hatte bislang keine Probleme mit der Akquise, da er bereits als Festangestellter “gute Kontakte geknüpft” und andere von seinem Können überzeugt hat. Als Entwickler zählt er zu den gefragtesten Freelancern. Für ihn stellt eher die (weniger) persönliche Komponente einen Nachteil dar. “Bei neuen Aufträgen ist dir im Vorfeld nicht klar, ob du mit dem Auftraggeber klarkommst, ob wir dasselbe Ziel vor Augen haben. Du kennst die Personen noch nicht, mit denen Du arbeiten wirst, kannst ihre Handlungen wenig einschätzen. Umso wichtiger ist es, gerade in der Anfangsphase viel im Unternehmen zu sein, die Leute kennenzulernen, auch bei Aufträgen, die sich remote erledigen lassen. Aber selbst das ist keine Sicherheit. Manchmal tut sich so viel. Wenn man da nicht ständig vor Ort ist, bekommt man wenig von der aktuellen Dynamik mit, und das kann klar von Nachteil sein.”

Für Simone war die größte Herausforderung am freien Arbeiten – und letztlich auch ein entscheidender Nachteil –, sich um alles selbst kümmern zu müssen: “Man ist einfach für alles verantwortlich: Ich war Sales und Key Account Managerin, Fachexpertin, Geschäftsführerin, Buchhalterin, Steuerberaterin – und Putzfrau! Gerade diese Mehrfachbelastung kann manchmal ganz schön anstrengend sein.” Christian verweist hier auf die (von vielen sicher wahrgenommene) Möglichkeit, ein paar der auferlegten Rollen zu delegieren, sich einmal im Jahr einen Steuerberater und (ein wenig öfter) eine Putzkraft zu leisten. Mit der Absicht, es allein hinzukriegen, begann Christian seine erste Steuererklärung – “ein Horror”. Irgendwann hatte er sich aber so tief reingefuchst, dass er zu geizig war noch aufzugeben, obwohl er kurz davor stand. Die Belohnung: Es durchzuziehen hat der Lohnsteuer für die kommenden Jahre den Schrecken genommen.

Die größte Herausforderung ihres Standes sehen 65,92% der Befragten darin, ein geeignetes Projekt zu finden. Etwas mehr als 30% haben Schwierigkeiten, Beruf und Privates zu trennen sowie eine angemessene Bezahlung auszuhandeln. “Über das Honorar zu diskutieren war mir anfangs ein Graus”, erzählt Simone, “aber mit der Zeit kam die Routine. Dann habe ich auch angefangen Aufträge abzulehnen, bei denen es finanziell nicht passte.”

Am Freelancing empfundene Vorteile.
Als größte Vorteile im Freelancing werden die Unternehmens-Unabhängigkeit sowie die Möglichkeit zur freien Zeiteinteilung gewertet. (Quelle: freelancermap.de)

Nichtsdestotrotz weiß über die Hälfte (57,91%) der Freelancer ihre Unabhängigkeit zu schätzen. Als weitere Vorteile werden die relativ freie Zeiteinteilung (55,04%), die größere Entscheidungsfreiheit (44,42%), die Vielfalt der Projekte (37,95%), das vergleichsweise höhere Einkommen (28,24%) und die Annehmlichkeiten des Home Office (26,71%) genannt.

Für Christian liegt der größte Vorteil in dem Gefühl, flexibel und unabhängig zu sein. Er muss nicht, wie Festangestellte, lange Kündigungsfristen aushalten und schätzt überdies die Abwechslung, die mehrere Projekte bringen. Gern kommt er mit unterschiedlichen Ansätzen, Techs und Themen in Berührung: “Es ist einfach erfrischend, nicht immer dasselbe Logo zu sehen.”

Der typische IT-Freelancer: 49, männlich, Entwickler und arbeitet 47 Wochenstunden

Das Durchschnittsalter der befragten IT-Freelancer beträgt 48,9 Jahre, wobei Frauen einen Alters-Mittelwert von 46,43 und Männer von 49,17 Jahren aufweisen. Verschwindend gering ist der Prozentsatz bei den äußeren Extremen. So sind nur 2,43% der Freelancer unter 30, nur ein Prozent über 69 Jahre alt.

26,35% geben an, im Projekt die Rolle des Entwicklers inne zu haben, gefolgt von Consultants (23,65%) und Projektleitern (21,22%). 11,06% bezeichneten sich als “Projektmitarbeiter”, 8,09% als “Manager”.

Das Gros der Befragten (71,5%) ist seit 6 Jahren oder länger als Freelancer unterwegs. Der Mittelwert liegt insgesamt bei 11,9 Jahren. Bevor der Schritt in die Selbständigkeit vollzogen wird, werden im Durchschnitt 13,64 Jahre Berufserfahrung in einem Angestelltenverhältnis gesammelt. Dabei wagen 11,15% bereits nach unter drei Jahren den Schritt, 5% warten mehr als 30 Jahre damit.

Der Durchschnitts-Freelancer ist wöchentlich 47,15 Stunden im Job. Ganze 44,07% arbeiten 41-50 Stunden pro Woche. Ca. 23% sind 31-40 Stunden beschäftigt, 6,48% kommen auf unglaubliche 60 Stunden und mehr.

Frauen benachteiligt, Deutsche im DACH-Vergleich auch

Während Männer durchschnittlich 87,64 Euro einstreichen, gibt es für Frauen in einer gleichen Position nur 84,62 €. Simone hat glücklicherweise nie die Erfahrung gemacht, dass ein Mann ihr gegenüber vorgezogen oder besser bezahlt worden wäre. Für den Entwickler-Bereich sieht das vielleicht noch ein bisschen anders aus. Männer sind in der IT nach wie vor einfach wesentlich präsenter als Frauen – laut einer Statista-Untersuchung teilten sich die IT-Studienanfänger in 81,6% Männer und 18,4% Frauen auf – und dieser “Gender Gap” ist schon ein Fortschritt gegenüber den Vorjahren.

Übrigens sind Freelancer von Bundesland zu Bundesland mit unterschiedlichen Stundensätzen konfrontiert: In Hamburg und dem Saarland lassen sich die höchsten Honorare veranschlagen: knapp über 90 € sind das Mittelmaß. Zwischen 85 und 90 Euro die Stunde verdienen Freelancer in NRW, Sachsen-Anhalt sowie Baden-Württemberg. In Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Berlin liegt der Stundensatz bei 80 bis 84,99 €. Am wenigsten (unter 80 € die Stunde) springt in den übrigen neuen Bundesländern sowie Bremen und Rheinland-Pfalz heraus. Sachsen bildet mit 70,30 € das Schlusslicht.

Regionale Verteilung der Stundensätze von IT-Freelancern.
Je nach Bundesland erhalten IT-Freelancer recht unterschiedliche Stundensätze. (Quelle: freelancermap.de)

Diese Daten schlagen sich weniger deutlich in der bundesweiten Verteilung der Freelancer nieder als erwartet: Nordrhein-Westfalen beheimatet derzeit mit 22,41% die meisten der Befragten, gefolgt von Bayern (21,99%), Baden-Württemberg (14,48%) und Hessen (11,95%). Schlusslichter bilden die neuen Bundesländer, Schleswig-Holstein und – überraschenderweise – das Saarland.

Auch innerhalb der DACH-Region finden sich deutliche Unterschiede im Stundensatz: in Deutschland kann ein freier Mitarbeiter es durchschnittlich zu 84,40 € bringen. In Österreich Beschäftigte sind mit 90,98 € schon etwas, Freelancer in der Schweiz mit 116,97 € wesentlich besser dran.

Die Zukunft des Freelancings

Die Auftragslage für 2018 sieht gut aus für IT-Freelancer. Da ein enormer Fachkräftemangel herrscht, der sich jährlich steigert (knapp eine halbe Million offene IT-Stellen von September 2016 bis August 2017, gut 20% mehr als ein Jahr zuvor), haben besonders freie Mitarbeiter gute Chancen auf wichtige Projekte – ohne sich den Zwängen eines Unternehmens in vollem Umfang unterwerfen zu müssen. Ob die Studienteilnehmer das auch so sehen? Während 54,13% keine wesentliche Veränderung für 2018 erwarten, so fürchten 12,14% eine Verschlechterung ihrer Auftragslage. 33,9% gehen davon aus, dass ihre Auftragssituation sich 2018 noch verbessern wird.

Die Zukunftsprognose der Studie stimmt insgesamt optimistisch: 84,26% der Teilnehmer wollen weiterhin als Freelancer arbeiten. Nur knapp zwei Prozent haben den Wunsch, in die Festanstellung zurückzukehren. 14,03% würden dies unter der Voraussetzung tun, dass das Gehalt stimmt.

Simone gehört zu den Rückkehrern. Inzwischen genießt sie die Vorzüge der Festanstellung. Sie kann ihre Energien auf ihre eigentliche Tätigkeit konzentrieren, ohne sich um Dinge wie Buchhaltung oder Akquise kümmern zu müssen. Außerdem wurde es ihr als angestellte IT-Personalberaterin endlich möglich, den Prozess von A-Z zu begleiten: “Gute Kandidaten zu finden und bis zum Abschluss an ihrer Seite zu sein, hat mir als Freelancerin gefehlt.” Auf Einbüßungsgefühle hinsichtlich ihrer Freiheit wartet sie seither vergebens. Sie schätzt sich glücklich, mit großem Gestaltungsspielraum arbeiten und sich frei entfalten zu können – was zugegebenermaßen sicher nicht auf jede Art der Festanstellung zutrifft.

Christian hingegen macht sich über seine Rückkehr zur Festanstellung derzeit keine Gedanken. “Ich habe den Luxus, von überall arbeiten zu können”, sagt er, und wer ihn kennt, weiß, dass keiner dieses “Überall” so ausschöpft wie er. Um nichts in der Welt würde er seine Freiheiten als Freelancer im Moment tauschen. Er muss nicht mal in Vollzeit arbeiten, um sich sein Leben als Abenteurer zu leisten. Die Auftragslage ist gut, für 2018 steht auf jeden Fall Südamerika auf dem Plan. Aber wer Christian kennt, der weiß, wie gut er auch ohne feste Pläne auskommt.