Meet the Geek

Folge 9: Der Agile Coach. Werdegang eines agilen Hindernisläufers.

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Für die Verbreitung agiler Entwicklungsmethoden gibt es nur einen Weg: Den nach vorn. Mit Sebastian hatten wir einen waschechten Agile Coach im Haus, der uns so manche interessante Einsicht in den Alltag ermöglichte. Was für ein großer Zufall ihn zu Scrum führte, welche Hindernisse es bei den ersten Anläufen zu überwinden galt und wie er die Welt zukünftig zu einem besseren Ort machen möchte – all das erzählte er uns im Kücheninterview.

Sebastian Titze, Agile Coach

Name:
Sebastian Titze
Alter:
33
Beruf:
Agile Coach, Scrum Master, Softwareentwickler
Unternehmen:
selbstständig
wichtigstes Tool:
Post-its, Plattenspieler
Zertifizierungen:
PSM 1 von Scrum.org, Kanban Management Professional

Über „Meet the Geek“

Zum Berufsbild Scrum Master

Sebastian, du hast bei uns einen sehr spannenden Vortrag gehalten. Wenn man dich so über Scrum reden hört, fällt es schwer zu glauben, dass du nur durch einen Zufall in diesem Feld gelandet bist. Wie kam es dazu?

Ursprünglich arbeitete ich nach meiner Ausbildung als Software-Berater und Anwendungsentwickler. Dabei trug es mich in verschiedene Richtungen, etwa ins E-Commerce, die Energiewirtschaft, die Versicherungsbranche und schließlich auch in die Logistik. Dort erwartete mich mit der Programmierung einer Lagerverwaltungs- und Palettierungssoftware wirklich spannende Herausforderungen. Meine letzte Station als klassischer Softwareentwickler fand ich bei VIA-eBay, einer eBay-Tochter. Dort hatte ich viel Gestaltungsfreiheit, konnte einiges bewegen und fühlte mich richtig im Beruf angekommen. Im Laufe dieses Jobs besuchte ich dann die Kölner BASTA-Konferenz.

Ein Meet-up mit Fokus auf .NET und Windows.

Genau. Dort erwartete ich auch einen Vortrag zum Thema Team Foundation Server. Stattdessen erzählte der Speaker etwas über die Vorzüge von Scrum und machte mir die Methode damit schmackhaft. Als Entwickler kennt man das ja: Anforderungen werden zu unspezifisch gestellt, es gibt Missverständnisse, man gerät in Verzug – und am Ende ist keiner verantwortlich.

Und da war der Funke bei dir übergesprungen?

Genau. Ich begann, mir so viel Wissen wie möglich über die Methodik anzueignen und war optimistisch, es damit aufnehmen zu können. Bei eBay hatte ich dann die Möglichkeit dazu. Meine Vorgesetzten wollten es auf den Versuch ankommen lassen. Beim ersten Anlauf gab es einige Startschwierigkeiten: Als Mitarbeiter muss man die Scrum-Werte ja auch intrinsisch für sich annehmen, die lassen sich nicht einfach von außen überstülpen. Aber es kommt eben auf die Praxis und nicht nur auf die Theorie an. Mit dem Rückhalt des Abteilungsleiters konnte ich dann einen zweiten Versuch starten und aus alten Fehlern lernen, auch Kanban konnten wir an dieser Stelle implementieren. Mit Erfolg. Generell ist mir die agile Herangehensweise an Softwareentwicklung und Unternehmensorganisation mit ihrer Orientierung am Menschen sehr sympathisch. Damit füllte die Methodik auch eine Lücke, über die ich mir vorher in der Routine als Entwickler gar nicht bewusst war.

...und öffnete eine neue Tür für dich. Jetzt bist du als selbstständiger Agile Coach unterwegs, um Unternehmen agile Evolutionshilfe zu leisten. Ein ziemlicher Sprung.

Das stimmt, allerdings konnte ich mich auch vorher schon als Scrum Master austoben. Bei eBay ergab sich das aus meinen Bemühungen natürlich organisch neben der eigentlichen Entwicklungsarbeit. Danach verfestigte sich meine neu entdeckte Leidenschaft in diversen Projekten weiter.

Auch Sebastian Titze wurde nicht auf direkter Luftlinie zum Agile Coach.
Auch bei Sebastian bedurfte es einiger Iterationen, bis er vom Entwickler zum Scrum Master und schließlich Agile Coach wurde. Bildquelle: Getharvest.com

Apropos Leidenschaft. Welche Eigenschaften sollte für dich ein guter Scrum Master mitbringen?

Meiner Meinung nach sind es vor allem drei Dinge, angefangen mit einer gesunden Portion Empathie: Um zwischen verschiedenen Bereichen zu vermitteln, muss man einfach ein gewisses Gefühl für das Zwischenmenschliche haben. Zweitens sollte man sich persönlich nicht zu wichtig nehmen und stattdessen das Team im Fokus sehen. Zu guter Letzt sollte man immer wissbegierig sein und sich auch mit viel Erfahrung noch freuen, den eigenen Horizont stetig zu erweitern.

Auf technologischer Seite bist du mit Java und Lotus Notes gestartet, später kam .NET dazu. Sind das immernoch deine Werkzeuge der Wahl?

Ich sehe mich da nach wie vor eher als Generalist. Es schadet nie, technologisch breit aufgestellt zu sein. Gerade im agilen Umfeld, wo es auf Vielseitigkeit ankommt, ist es empfehlenswert, sich mit einigen wenigen Technologien besonders gut auszukennen – aber auch Basics in möglichst vielen der angrenzenden Techs mitzubringen. T-Shaping eben. So lassen sich unterschiedliche Probleme mit unterschiedlichen Werkzeugen am besten lösen. Dann muss niemand mehr seine Arbeit über den Zaun zur nächsten Abteilung werfen. Gute Software profitiert eben auch von einer Kultur der Wertschätzung für die Leistung der anderen.

Zu guter Letzt zwei Fragen, um die in unserer Interview-Reihe niemand drum herum kommt: Was würdest du heute beruflich machen, wenn es dich nicht in die IT verschlagen hätte – und wie bist du dazu gekommen?

Als ich noch ein Kind war, mit 12 oder 13 Jahren etwa, brachte mir mein Vater einen ausrangierten Rechner von der Arbeit mit nach Hause. An diesem entdeckte ich kurze Zeit später meine Leidenschaft für Point & Click Adventures. Da war klar, dass ich mir in der Schule die Chance nicht entgehen lassen konnte, in der Informatik-AG ein eigenes Text-Adventure mit Turbo Pascal zu schreiben. Und so sagte ich mir: “Sowas willst du später machen.” Eine klare Alternative hatte ich davor noch nicht im Blick. Am ehesten hätte ich wohl meine zweite Leidenschaft zum Beruf gemacht, und zwar elektronische Beats. Ich produziere meine eigenen DJ-Sets, lege Platten auf, wenn ich Zeit dafür habe – und auch beim Coden rotiert das Vinyl im Hintergrund. Mit Minimal House ist mein Musikgeschmack dabei wohl am besten umschrieben. Im Bootshaus [Kölner Techno-Club] wäre ich damit wohl fehl am Platze, aber rein wegen der Akustik würde ich dort gerne einmal auflegen.

Welche Platte legst du denn beruflich als nächstes auf?

Kurzfristig bleibt es erst einmal bei projektbasiertem Agile Coaching, das ist, was mir gerade Spaß macht. Langfristig würde ich gerne eine holistische Unternehmensberatung gründen, in der der Mensch im Vordergrund steht – nicht durchrationalisierte Prozesse und trockene KPIs. Das klingt nach einer Hippiementalität, würde aber idealerweise die Welt zu einem etwas besseren Ort machen und für Arbeitsplätze sorgen, zu denen die Menschen morgens gerne gehen.

Danke dir für das Interview und viel Erfolg bei deinen Plänen, Sebastian!