Meet the Geek

Folge 6: Die App-Entwickler – Android vs. iOS

gepostet von am

Tim und Volkmar sind App-Entwickler – jedoch in verschiedenen Lagern: Tim codet für iOS, Volkmar für Android. Beide haben uns über ihre Erfahrungen berichtet und uns einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Warum Tim heute nicht Lokführer ist und Volkmar am Ende doch nur dem Zufall seine Android-Liebe verdankt, erzählten sie uns im Küchengespräch. (Anmerkung: Beide Gespräche wurden zur besseren Übersicht zusammengefasst.)

Volkmar Vogel, Android-Entwickler

Name:
Volkmar Vogel
Alter:
25
Beruf:
Android-Entwickler (REWE Digital GmbH)
in der IT seit:
2010
Lieblingsapp:
Alles mit guter UX, etwa Google Now, Sunrise und Mailbox
Tools, ohne die nichts geht:
Android Studio, Terminal, Spotify
Inspiration findet er auf:
StackOverflow.com, Google Developer auf YouTube, der Rest des Internets

Zum Berufbild Android Developer

Tim Schroeder, iOS-Entwickler

Name:
Tim Schroeder
Alter:
24
Beruf:
iOS-Entwickler (Bastei Lübbe AG)
in der IT seit:
2008
Lieblingsapp:
Twitter, Netflix
Tools, ohne die nichts geht:
xCode, Spotify
Inspiration findet er auf:
StackOverflow.com, Apple Developer Library

Über „Meet the Geek“

Zum Berufsbild iOS Developer

Volkmar, Tim – die Gretchenfrage zuerst: Warum entwickelt Ihr nicht für die “Gegenseite”?

Tim:
Während meiner Ausbildung gelangte das erste iPhone in meine Hände, später auch ein Mac. Die Entwicklung brachte ich bei der Entwicklung erster Apps selber bei. Mittlerweile entwickle ich einfach gern für iOS, da die Update-Politik Apples und die geringere Fragmentierung in der Gerätelandschaft für ein angenehmes Entwicklungsklima sorgt. Hinzu kommt, dass ich auch als User einfach zu tief in Apples Ökosystem drin stecke.

Volkmar:
Mein erster Kontakt zu Android kam zustande, als ich während meiner Ausbildung bei Tobit.Software Jugendliche per Workshop an die App-Entwicklung mit Googles App Inventor heranführte. Das war der zündende Funke, kurze Zeit später entwickelte ich selber für Android. Vorher besaß ich ein iPhone und war grundsätzlich allem gegenüber aufgeschlossen. Hätte ein ähnlicher Workshop also für iOS stattgefunden – wer weiß, wo ich heute stände.

An welchen Apps habt Ihr Euch denn zuerst versucht?

Volkmar:
Ich habe bei meinem damaligen Smartphone ein Feature nachgerüstet, das aus akuter Not heraus entstanden ist, und zwar ein Anrufblocker. Damit konnte man das Handy bei spezifischen Nummern sofort auflegen lassen. So hat es zwar mal ein vereinzeltes Klingeln durchgeschafft, aber im Großen und Ganzen hatte ich dann nachts und im Urlaub Ruhe. Viele Hersteller rüsten diese Funktion bei Ihren Geräten aber selber nach.

Tim:
Meine erste App war ein Lokalisierungsservice, an dem ich meine Fähigkeiten ordentlich schleifen konnte. Und am Ende war es einfach ein gutes Gefühl zu sehen, wie die eigene Entwicklung im Store steht und ein paar Hundert Downloads aus aller Welt sammelte. Das sind keine riesigen Zahlen, aber es ist trotzdem schön zu merken, dass Andere aus deiner App Nutzen ziehen können.

Man merkt, Ihr seid mit Leib und Seele bei der Sache. Haben Eure jeweiligen Systeme denn auch Macken?

Tim:
Bei der iOS-Entwicklung kann einen das Reviewing schon mal frustrieren. Da freut man sich, dass die eigene App quasi veröffentlichungsbereit ist, hat die Store-Seite schon vorbereitet, und dann fällt sie aus mitunter intransparenten Gründen bei den redaktionellen Zulassungskriterien durch. Bei Android fehlt dieser Filter, das schwemmt zwar den Markt mit qualitativ fragwürdigen Apps, stellt guten aber auch keine künstlichen Hürden in den Weg.

Volkmar:
Na klar, mich wundert zum Beispiel, dass Google es für das Testing nicht hinbekommt, einen funktionierenden Simulator auf die Beine zu stellen. Bei Android muss die komplette Hardware emuliert werden. Das ist zeitaufwendig und ineffizient. Da legt man sich oft lieber eine Reihe von echten Smartphones neben den Rechner. Der iOS-Ansatz ist da simpler und schneller, die Umgebung wird nur näherungsweise simuliert.

Was ist bei euren momentanen Jobs der Hauptfokus für die Entwicklung? Das Design, die Funktionalität, die angepeilte Monetarisierung?

Volkmar:
Da für die App, an der ich zur Zeit arbeite, der Service an sich bezahlt wird und die App selbst somit kostenfrei bleibt, steht die Geldfrage klar im Hintergrund. Davon nicht an der kurzen Leine gehalten zu werden, macht es leichter, sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren: Praktische Features und eine ansprechende UX. Apps, die nach diesem Schema aufgebaut sind, nutze ich dann auch selber am liebsten

Tim:
Ganz klar eine gesunde Mischung. Die Frage, was die App können soll, steht immer im Gegengewicht zur Frage, was überhaupt obligatorisch dargestellt werden muss. Es darf nicht zu unaufgeräumt sein, aber für ein klares Design darf man wichtige Features nicht unter den Tisch fallen lassen. Und die Finanzierungsfrage steht ohnehin immer im Raum: Zwar zeigen Umfragen, dass iOS-User generell eher Geld für Apps ausgeben, für die relativ neue Sparte von Buch-begleitenden Apps, an denen ich gerade mit entwickle, müssen sich praktikable Preismodelle erst noch finden.

Seit den ersten Versionen eurer Systeme ist viel Wasser den Rhein hinunter geflossen. Wie kommt man als Entwickler bei der Feature-Explosion neuer Releases mit?

Tim:
Bei iOS ist sehr angenehm, dass man als Entwickler zusätzlich zur Vorlaufzeit für Anpassungen die Gewissheit hat, dass die neue Version schnell verbreitet wird. Der Rollout geschieht an einem Datum marktweit und wird faktisch nicht von verschiedenen Herstellern, Providern oder Geräten verzögert. Man muss sich also in geringerem Maß auf die Kompatibilität zu verschiedener Hardware oder Versionen konzentrieren.

Volkmar:
In der Regel wird vor Entwicklungsbeginn die Verbreitung von Geräten und Android-Versionen erhoben. Das Ziel ist dann meist, 90 % der verbreiteten Devices zu unterstützen. Das sind auch unter Android meist keine zehn verschiedenen Geräte und weit weniger Versionen. Trotzdem kann es knifflig sein, wenn ältere Apps von den Funktionen neuer Releases beeinträchtigt werden, etwa bei Android 6 Marshmallow. Hier sorgt ein neues Berechtigungssystem dafür, dass alten Apps spezifische Funktionen entzogen werden können und diese im schlimmsten Fall nicht mehr lauffähig sind.

Man merkt, Ihr seid mit Leib und Seele dabei. Doch was wäre euer Job, wenn Ihr die Abzweigung zum Entwickler verpasst hättet? Und warum seid Ihr es trotzdem heute gerne?

Volkmar:
Vor meinem Abitur mit IT-Schwerpunkt war mein eigentlicher Plan, ein Fremdsprachenstudium mit Lehramtsausrichtung in Angriff zu nehmen. Dann wäre ich wohl jetzt Lehrer. Da ist es mir so aber lieber. Ich finde es beim Entwickeln einfach super, meine Leidenschaft für eine Sache so in einen Beruf stecken zu können. Und knifflige Probleme zu knacken macht natürlich auch Spaß.

Tim:
Da ich weder künstlerisch oder handwerklich begabt, noch der klassische Bürohengst bin, kam es mir früher immer sinnvoll vor, Lokführer zu werden. Aber dann habe ich ja doch noch eine andere Tätigkeit für mich entdeckt. Und daran ist es einfach schön zu sehen, dass Menschen sich für dein Produkt begeistern und bei Bedarf aus aller Welt darauf zugreifen können.

Nach welcher Methodik entwickelt Ihr aktuell und wie kommt Ihr damit klar?

Tim:
Ganz am Anfang haben wir noch nach Scrum entwickelt. Dann wurde das Team nach und nach kleiner und jetzt haben wir uns mit der Methode Chaos am effizientesten eingerichtet. Änderungswünsche, Probleme und Vorgehensweisen teilt man direkt von Tisch zu Tisch, jeder kennt jeden. Das Arbeitsklima ist damit ideal, und wir kommen schnell voran.

Volkmar:
Wir sind ganz klassisch nach Scrum unterwegs. Da habe ich mich in der Anfangszeit schnell hinein gefunden und mittlerweile möchte ich diese Methodik nicht mehr missen. Unser 10 Mann-Team ist damit ideal organisiert.

Welchen Weg sollte jemand einschlagen, der Eurem Vorbild folgen möchte?

Volkmar:
Im Grunde ist fast egal, welchen konkreten Weg man einschlägt, auch wenn ein IT-Hintergrund in Ausbildung oder Studium natürlich nicht schadet. Wichtig ist vor allem, dass man mit Herzblut bei der Sache ist, alle Keynotes verschlingt, die letzten 20 Samsung-Devices samt Features im Schlaf herunterbeten kann und sich nicht scheut, mit der Hardware experimentierfreudig zu sein. Mit dieser Mentalität ist das Entwickeln fast nur noch Formsache. (lacht) OK, ganz so einfach ist es nicht, aber man erkennt Android Devs sofort, wenn sich ein Schwarm um einen Kollegen mit der neuesten Android Wear-Smartwatch bildet.

Tim:
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich die Codebasis im Grunde auch selber beibringen kann, solange Interesse und das technische Grundverständnis vorhanden sind. Im Netz gibt es zu jedem Problemchen unzählige Tutorials, das macht den Lernprozess so einfach wie nie. Umso besser ist natürlich, wenn man vorher schon andere Sachen geschrieben hat. Wenn man dann seine erste App mit ein paar Downloads im App Store stehen hat, ist der eigene Fortschritt nachweisbar und man hat sofort seinen Fuß in der Tür. Eine Ausbildung ist dann natürlich keine schlechte Sache, um an eine Festanstellung zu gelangen.

Tim, Volkmar, vielen Dank Euch für das Interview und alles Gute für die weitere Zeit!