Irgendwo mitten im Internet

Edge, neu verchromt

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Ende 2018 ging ein Aufschrei durch die Frontend-Community: Microsoft kündigte an, seinen Browser “Edge” nicht mehr auf Basis des Renderers EdgeHTML weiterzuentwickeln. Das war allerdings noch kein Memento Mori, sondern die Verkündung einer Wiedergeburt: Künftig werde man auf Googles quelloffene Chromium-Basis setzen. Jetzt gibt’s für Windows Insider die ersten Previews. Das Eingeständnis einer Niederlage – oder ein Schritt in die richtige Richtung? Wir legen die Ohren auf den Boden und lauschen dem Browser-Markt.

Alternativtext
So funktioniert teasern: Wer dieses Bild verstehen will, muss wohl oder übel weiterlesen. Montage: D. Martin.

Gecko, WebKit, Presto, Trident, EdgeHTML, Tasman, Robin, Blink... es gab eine Zeit, in der eine solche Liste der HTML-Renderer ausladend lang und dennoch nicht vollständig war. Gefühlt kam auf jede Browser-Device-Kombination eine eigene Renderinglösung. Anfang 2019 sieht das völlig anders aus: Ignoriert man den Internet Explorer samt Trident – und sein wir ehrlich, auch viele Devs würden den am liebsten links liegen lassen – sind mit Gecko und WebKit faktisch nur zwei originäre Renderer am Markt. Die Zahl erhöht sich auf vier, wenn man noch Blink als Fork von Webkit und Goanna als Gecko-Derivat hinzu zählt. Das ist alles, was der Markt an Browserdiversität zur Zeit hergibt. Bei der ohnehin nur noch geringen Anzahl war er Ende 2018 mit EdgeHTML also relativ gesehen noch signifikant größer, zudem diese Lösung mit Microsoft auch signifikante Geldmittel zur Weiterentwicklung hinter sich hatte. Etwa im Gegensatz zur Mozilla Foundation, die es ähnlich der Wikipedia oft nur knapp in die Einnahme-Ausgabe-Waage schafft.

Edge of Tomorrow?

Doch was bedeutet das nun konkret für den Browsermarkt? Auf der einen Seite freut sich die Entwickler-Community in den einschlägigen Foren und Kommentar-Bereichen über einen verringerten Aufwand beim Testing. Für Edge(HTML) muss man seine Seiten mittelfristig schon mal nicht mehr optimieren und für Chromium respektive Webkit oder Blink hat man im Regelfall ohnehin bereits durch die Optimierung für Chrome seine entwicklerische Schuldigkeit getan. Das muss man allerdings nicht so sehen. So hält etwa Christian Kraus, unser ehrenhafter Haus- und Hof-Entwickler, dagegen: “Edge war nie das Problemkind unter den Browsern. Sicher, er war nicht so modern aufgestellt wie Firefox oder Chrome, aber der wahre Aufwand entstand und entsteht durch die Optimierung für Safari und Internet Explorer. Für ersteren hat sich in Sachen technischer Kompatibilität nicht umsonst der Slogan “Safari is the new IE” etabliert. Und letzterer wird uns dank schlecht gewarteter Großmutter-PCs und der Innovationsträgheit im Enterprise-Umfeld leider auch noch eine Weile erhalten bleiben.” Ergo: Edge war beim Testing nur selten ein großes Hindernis, wurde aber auch nur stiefmütterlich behandelt, was spezifische Optimierungen angeht. So manche Seite hatte deshalb Probleme mit der korrekten Darstellung. Kein Wunder, bei rund 5 % Marktanteil im Höchstfall vor der Ankündigung des Umbruchs.

Marktanteile Edge vs. Google
Das unten im Bild ist keine freihand gezeichnete X-Achse, sondern tatsächlich der Marktanteil von Edge im letzten Jahr. Screenshot: netmarketshare.com

Edge bätsch!

Apropos stiefmütterliche Behandlung: Auch Microsoft selbst tat seit dem Marktstart seines Browserreboots anno 2015 nicht viel, um sich besondere Sympathien zu erkämpfen. Ein beschnittenes Featureset – Add-ons, Bookmark-Sync, solide Dev-Tools? Nada! – traf auf eine UI, die viele vermuten ließ, dass man den altehrwürdelosen IE entführt und ihm eine Kapuze im Windows-10-Design übergestülpt hatte. Zwar gab sich Microsoft gerade zum Start bei der Vermarktung Mühe und ging auf Konfrontationskurs mit den ganz Großen, Poweruser und Innovationslustige nahmen nach kurzen Tests die Funktionsverluste aber nicht mehr in Kauf und setzten schnell wieder auf alte Pferde. Das Potenzial blieb auch an Otto-Normal-Nutzer*innen nicht hängen, da diese die Jahre zuvor schon die Neuinstallation von Chrome und Firefox beim Windows-Setup in ihrem Muskelgedächtnis gespeichert hatten. Und das übrigens trotz zahlreicher Versuche der Redmonder, bereits auf OS-Ebene mit allerhand perfiden Methoden zwischen User und neue Browser zu grätschen.

Für Microsoft also ein klares Lose-lose. Unter gewissen Gesichtspunkten war dem Edge damit Unrecht getan: Performancetechnisch etwa hatte und hat er mit Blick auf den im Vergleich niedrigsten Abstraktionsgrad vom Betriebssystem durchaus seine Vorzüge. Und das auf Desktop und Mobile – bei letzterem allerdings nur unter nativen Umständen: Auf Android und iOS basiert Edge schon seit Erscheinen auf Blink, nur auf Windows 10 Mobile sorgte man mit EdgeHTML für eine beachtliche Performance – diese Plattform ist allerdings ihrerseits schon länger von uns gegangen. Doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

Die Moiren aus Herkules als Sinnbild für das Schicksal des WWWs
Genau so könnte es laufen, wenn Blink und Webkit das Züngelchen an der Waage zur Etablierung neuer Webstandards werden. Montage: D. Martin.

Blink und WebKit als Moiren des WWWs

Für die Windows-Browser-Landschaft sieht es damit aus rein ideellen Gesichtspunkten erstmal düster aus: Firefox wird dort mittelfristig der einzige “große” Browser sein, der nicht auf Chromium basiert. Mit Vivaldi und Opera setzen bereits etwa 10 weitere (Nischen-)Browser darauf. Das heißt konkret: Chromium ist zwar Open Source, was allerdings als Commit im Hauptprojekt landet, bleibt allein Sache von Google. Ergo: Bei der Weiterentwicklung von Webstandards könnte mittelbar künftig allein Google am Steuer sitzen. Denn was nicht von Chrome beziehungsweise Chromium mit seinem gigantischen Marktanteil adaptiert und unterstützt wird, hat es womöglich schwer, sich daran vorbei am Markt zu etablieren. Aus Googles Sicht kann ja einfach frech gesagt jeder, der will, seine eigene Fork auf die Beine stellen – und sehen wo er bleibt. Auch wenn man den Blick über den Windows-Horizont Richtung MacOS richtet: Safari basiert schließlich auch “nur” auf WebKit, das man im Grunde auch nicht als vollkommen unabhängigen Renderer bezeichnen kann. Salopp gesagt: Würde sich Tim Berners-Lee nicht noch bester Gesundheit erfreuen, bei diesen düsteren Aussichten auf eine offene, demokratische Weiterentwicklung des Webs würde er im Grabe rotieren wie eine Waschmaschine im Schleudergang!

Langfristig darf stark bezweifelt werden, dass überhaupt jemals eine komplett neue Rendering-Engine am Markt erscheint. Zu viele Evolutionsschritte, jahrzehntelange Erfahrung und einschneidende Marktentwicklungen waren nötig, um die bestehenden an den Punkt zu bringen, an dem sie jetzt sind. Und mit der Einstellung einer der drei Major-Engines sind nicht nur alle Erkenntnisse vom Tisch, die man bis dato dort gewonnen hat – auch der mögliche Raum an potenziellen Weiterentwicklungen der jeweiligen Plattform samt ihrer Ansätze wird natürlich damit abgeschnitten. Bei Gecko respektive Firefox wäre es wahrscheinlich die rasante Hardwarebeschleunigung durch die gute Multithreading-Unterstützung, bei Chrome die Innovationskraft, die die gigantische Menge dafür testender Devs erlaubt, das Medium “nach vorn” zu bringen und bei Edge eben die Nähe zum Betriebssystem. Diese Befürchtung ist dabei nicht nur trockene Theorie: Bereits 2013 ging mit Presto (des damaligen Renderers von Opera) eine Stammbaum-Verästelung verloren, die einzigartige Vorzüge wie komplett dynamisches Rendering von ganzen Seiten oder einzelnen Teilen sowie die ausnehmend gute Kompatibilität mit von Standards abweichenden und auf den IE optimiertem Street HTML.

Fische, die niemals fliegen können werden

Mit dem Markt der Rendering-Engines verhält es sich nach der W3C-Expertin Rachel Nabors etwa so: Man stelle sich einen Planeten vor, auf dem nur Kolibris, Lachse und Pferde leben – und plötzlich sterben alle Kolibris und Pferde aus. Natürlich kann es sein, dass die Lachse sich eines Tages so entwickeln, dass sie an Land kreuchen können – von den Fähigkeiten eines Pferds und ganz zu schweigen eines Kolibris wären sie aber noch weit, weit entfernt. Bis dahin könnte es noch eine Weile dauern.

Egal, was der Markt aus der Reinkarnation von Edge macht und ob nach der alten Engine kein Hahn mehr kräht – der Kolibri ist damit ausgestorben.