Helden der IT

Bill Gates: Der Moment, wenn Microsoft die kleinste Sorge ist.

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Unser heutiger Held der IT ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Bei seiner kleinen, einer Garage entsprungenen Software-Firma? Oder seiner vorbildlichen philanthropischen Ader? Bei Gates kühl leistungsgetriebenen Exzentrik, die den ein oder anderen Menschen aus seiner Umlaufbahn geworfen haben dürfte? Um diesen Knoten zu entwirren, fangen wir am besten ganz von vorn an. Die Causa Bill Gates.

Arrest-Foto von Bill Gates.
Billy “The Kid” Gates nach seinem Arrest wegen eines Verkehrsverstoßes, 1977. Quelle: Wikimedia.

Seattle, der 28. Oktober 1955: Der kleine Bill erblickt nach seiner Schwester Kristi das Licht der Welt und wird später von seiner zweiten Schwester Libby zum Sandwich-Kind gemacht. Als Kinder eines erfolgreichen Anwalts und einer Aufsichtsratvorsitzenden wachsen die Gates-Junioren in wohlhabendem Umfeld auf, wohlbehütet und christlich erzogen. Mit diesem Erziehungsstil ging auch die Leistungsethik einher, die uns in Gates Leben an anderer Stelle noch wiederbegegnet. Ob in der Schule oder beim Sport, seine Eltern evangelisieren an jeder Ecke den Wettbewerb. Aus direktem Umfeld wird über das Hause Gates berichtet: Der Spaß am Siegen wird belohnt, Verlierer bleiben auf der Strecke.

Teletype 33 Terminal
Ein Teletype 33: Der Fernschreiber, mit dem alles begann. Quelle: Wikimedia.

Vom und zum Erfolg getrieben

Seinen ersten signifikanten Kontakt zu Computern hatte Gates mit 13 Jahren, als seine Schule ein Teletype 33-Terminal und etwas Rechenzeit auf den Rechnern von GE für die Nutzung durch Schüler erwarb. Er fand sofort gefallen daran, das System in BASIC zu programmieren (erstes Projekt: ein Einzelspieler Tic-Tac-Toe) und erfuhr durch sein Interesse früh die Anerkennung des Lehrkörpers. In einer Ausnahmeregelung konnte er einzelne Mathekurse für seine Computertätigkeiten auslassen. Nachdem die Rechnerzeit bei GE auslief und die Schule das Programm nicht verlängerte, waren Gates und seine Freunde gezwungen, auf andere Systeme umzusteigen. Als man sie jedoch dabei erwischte, wie sie Exploits im System nutzten, um an weitere unbezahlte Computerzeit zu gelangen, wurden sie schließlich ganz von der Nutzung ausgeschlossen.

Aus dem Fluch machten sie allerdings einen Segen: Für zusätzliche Zeit am Rechner boten Sie an, Bugs im System aufzuspüren – mit Erfolg: Dieses Arrangement lief für beide Seiten ein Jahr sehr gut. Gates war bereits im Stande, den in drei verschiedenen Sprachen geschriebenen Quellcode – eine davon: Maschinencode – zu studieren. Nach dem Bankrott des Unternehmens 1970 und einigen anderen Nebenprojekten zur schnöden Schullaufbahn wurde schließlich die Schulverwaltung auf Gates Talent aufmerksam und ließ ihn Software für Zeitmanagement und Stundenplanung der Schule schreiben. Eine Tätigkeit, deren Möglichkeiten er nicht lange ungenutzt ließ – und den Code nach eigenen Angaben so änderte, dass er vorzugsweise in Klassen mit “einer überproportional hohen Anzahl an interessanten Schülerinnen” landete.

The BASICs of software development

In den 70er-Jahren ging es rasant nach vorn für den jungen Gates. Mit 17 gründete er zusammen mit seinem guten Freund Paul Allen sein erstes Unternehmen (im Sektor Verkehrsmessung). Ein Jahr später wurde er Nationalstipendiat, landete einen fast perfekten SAT-Wert und schrieb sich in Harvard ein. Dort widmete er sich gemäß dem Wunsch von Bill Gates Senior vorerst den Rechtswissenschaften, folgte aber seinem inneren Rebell und nahm nebenbei fortgeschrittene Kurse in Mathematik und Informatik. Sein frühes Top-Projekt in dieser Richtung: die Entwicklung eines Algorithmus für das Pfannkuchen-Sortierproblem, der noch Jahrzehnte später die effizienteste Lösung zu dem mathematischen Grundsatzproblem darstellen sollte. Aber auch sonst liefen seine Eigenentwicklungen gut: Der emulierte BASIC-Interpreter, den Gates zusammen mit Allen entwickelte, wurde schnell zu einem Hit unter Hobby-Programmierern und brachte bereits erste Aufmerksamkeit aus dem Enterprise-Umfeld. Gates Entscheidung, seine übrige Zeit der Informatik zu widmen, war zudem äußerst schicksalhaft, immerhin traf er in diesen Fächern auch seinen zukünftigen Freund und Geschäftspartner Steve Ballmer.

Das erste Micro-Soft-Logo
Gestatten, Micro-Soft. Bildquelle: Microsoft.

Havarie auf der MS Harvard

Dennoch war die Academia nichts, was Gates lange fesseln konnte. Nach zwei Jahren ließ er Harvard hinter sich und wandte sich praktischeren Tätigkeiten zu, hatte er doch ein klares Ziel vor Augen: die Gründung eines eigenen Software-Unternehmens. Gesagt, getan: Seine Eltern fanden es gut, er nahm sich prompt ein Urlaubssemester und legte los. Den Grundstein des ganzen bildete besagter BASIC-Interpreter, der Paul Allen und ihm bei Micro Instrumentation and Telemetry Systems (MITS) 1975 Tür und Tor öffnete. Allen und Gates wurden ins Unternehmen eingegliedert, erhielten eigene Büros und konnten sich voll und ganz der Weiterentwicklung des Produktes widmen. Der vorläufige Name ihres Unternehmens: Micro-Soft. Ein Jahr später ließ man den Bindestrich hinter sich und machte eine Trademark daraus. Microsoft war geboren – und Harvard für Gates endgültig gestorben.

Microsofts Altair BASIC Interpreter kam ausgesprochen gut an. Im professionellen Umfeld, aber auch unter Amateur-Programmierern. Und dort sogar zu gut, möchte man sagen: Die Funktion wurde als so essentiell erachtet, dass gut 90 % der Nutzer einfach “vergaßen”, für die Software zu zahlen. Gates wandte sich in einem offenen Brief an die Community und forderte ein erwachseneres Umgehen mit geistigem Eigentum – und dessen Erwerb, sollte ein Entwickler doch im Stande sein, von seiner Programmierarbeit leben zu können. Da das nur mit dem Vertrieb eines Interpreters und diverser kleinerer Auftragsarbeiten schwierig wurde, machte Gates Microsoft 1976 von MITS unabhängig. Ein paar Jahre und einen Büroumzug nach Washington später, man schrieb das Jahr 1979, war das Vorhaben mit der Entwicklung von diverser Software für andere Programmiersprachen und Systeme bereits durchaus erfolgreich. Gates Führungsstil war dabei bemerkenswert: Er ließ alle Mitarbeiter breite Geschäftsverantwortung übernehmen und blickte die ersten Jahre zugleich selber noch en detail auf jeden Code-Fetzen, der die Software-Schmiede verließ. Was ihm nicht gefiel, besserte er selbst aus.

IBMs, der erste Lizenzkäufer vong DOS her

1980 nahm Microsoft dann rasant Fahrt auf in Richtung des Konzerns, den wir heute kennen. IBM kam auf das Unternehmen zu und machte das Angebot, für den bald erscheinenden IBM-PC den betriebssystem-eigenen BASIC Interpreter zu entwickeln. Aufgrund einer Missplanung IBMs zog Microsoft allerdings bald die Entwicklung für das gesamte Betriebssystem an Land. PC-DOS war kurz darauf geboren, ein angepasstes System auf der Basis von 86-DOS von SCP. Microsoft übergab das System für geradezu lächerliche 50.000 USD (inflationsbereinigt etwa 140.000 USD) – besser gesagt, eine Lizenz für das System. Das Copyright behielt Microsoft zum eigenen Glück selbst, denn ohne diesen Zug würde das Unternehmen heute wohl kaum dort stehen, wo es jetzt ist. Gates ging davon aus, dass MS-DOS auch von anderen Vertreibern angekauft würde und sollte damit Recht behalten. Die weiteren Lizenzverkäufe etablierten Microsoft als Big Player in der Industrie, auch die Presse erkannte schnell, dass Microsofts Software-Basis großen Einfluss auf die Bedienung und Wahrnehmung des neuen IBM-PCs hatte.

Windows 3.0
Microsofts erster Verkaufsschlager, Windows 3.0. Und schon damals mit NT-Kernel verfügbar.

Vom Nischenprodukt zum Inbegriff des Betriebssystems

1986 sollte die Beziehung zwischen den beiden Unternehmen jedoch auseinanderbrechen. Aufgrund unvereinbarer kreativer Visionen bei der Entwicklung von IBM OS/2 nahm Microsoft den Hut. Nur gut, dass man in der Zwischenzeit nicht auf der bequemen Marktposition verharrt und im November der Vorjahres bereits ein neues Produkt auf den Markt gebracht hatte, eine neuartige grafische Benutzeroberfläche für DOS, namentlich: Windows 1.0. Was bis heute zu einem Milliardenprojekt avanciert ist, war anfangs faktisch ein Rohrkrepierer. Wichtige zur Bedienung erforderliche Komponenten waren kaum verbreitet. Maus, Festplatte, Erweiterungsspeicher, Farbgrafikkarte? Bei einem Großteil der Anwender höchstens eine Hardwareutopie. Zumal es bereits einige Alternativen gab, um DOS das Multitasking beizubringen – ob nun mit grafischer Oberfläche (etwa DESQview) oder ohne (IBMs eigenes TopView). Bis Anfang der 1990er sollte sich das allerdings mit einem Paukenschlag ändern. Windows 3.0 und 3.1 – übrigens schon damals auf Basis des noch heute eingesetzten NT-Kernels – waren sehr erfolgreich, wurden auch im Produktivbereich stark adaptiert und konnten viele Kinderkrankheiten der Software ausmerzen. Der Durchbruch war geschafft, die achterbahnartige Erfolgsgeschichte Windows nicht mehr aufzuhalten – mitsamt aller Aufs (3, 95, XP, 7) und Abs (Me, Vista, RT).

Der private Gates: IT-Genie, ick hör dir fluchen

Bill Gates ließ es sich nicht nehmen, einen Großteil davon persönlich aktiv mitzugestalten. In den frühen Jahren sogar noch als aktiver Software-Entwickler: So wurden noch 1989 Produkte ausgeliefert, zu denen er spezifischen Code beigesteuert hatte. Bis ins Jahr 2006 hatte er zudem die Hauptverantwortlichkeit für die Produktstrategie von Windows und Executive-Funktionen inne. Dabei war er Berichten nach alles andere als umgänglich oder unkompliziert: Bereits zu Anfang seiner Laufbahn sagte man ihm nach, nie auf Anrufe zu reagieren oder sich so in Wettbewerbsgedanken hineinzusteigern, bis er siegreich daraus hervorgegangen war – selbst innerhalb des Unternehmens. Andere Manager beschrieben ihn als verbal kampflustig, mit kolportierten Ausrufen wie “Das ist das Dümmste, das ich je gehört habe” mitten in Präsentationen. Eine gewisse Korrelation zwischen Software-Genius und Just-Don’t-Care-Attitüde scheint insofern also recht normal zu sein feststellen. ;-)

Karl Klammer alias Clippy, der Office Assistent
Es gibt Dinge, die vergisst man besser. Clippy gehört dazu. Besten Dank, Melinda. Quelle: gemeinfrei.

Seiner privaten Harmonie stand diese Haltung offensichtlich nicht im Weg, Gates heiratete 1994 seine langjährige Konzernkollegin Melinda Ann French (seitdem Gates). Diese war für das Management und die Mitentwicklung verschiedener Softwareprojekte zuständig, etwa Publisher, Microsoft Bob und Encarta. Ihr wohl berüchtigstes Werk: Der Legende nach war es Melinda Gates, die die Entwicklung von Karl Klammer (englisch Clippy), der allseits gehassten penetranten Office-Büroklammer, vorantrieb und so auf die Nerven Abertausender User ging. Abseits dessen nahm sie im Zeitraum von 1996 bis 2002 mit ihrem Ehemann drei weitere Projekte mit Hand und Fuß in Angriff, die aus dem Ehepaar Gates eine fünfköpfige Familie machen sollten.

Genius, Billionaire, Playboy, Philanthropist before it was cool

Zurück zu Bill: Mitte Juni 2006 war das Ende der Ära Gates für Microsoft gekommen. CEO des Unternehmens war Gates bereits seit 2000 nicht mehr, nun kündigte er noch an, sich über die nächsten zwei Jahre schrittweise aus den Tagesaufgaben als Chief Software Architect zurückzuziehen. Langfristig wolle er sich stärker seinen philanthropischen Projekten zuwenden. Die Verantwortlichkeiten wurden auf zwei Nachfolger umgelegt, sein Harvard-Freund Steve Ballmer blieb bis 2013 CEO. Dessen Nachfolger Satya Nadella ist bis heute im Amt.

Die Vermögen der reichsten Menschen der Welt, verglichen mit den Bruttosozialprodukten verschiedener Länder
Das Einmaleins der Ungleichheit: Die Vermögen der reichsten Menschen der Welt, verglichen mit den Brutto-Sozialprodukten verschiedener Länder. Glücklicherweise setzen ein paar davon ihres für Gutes ein. Quelle: Knoema.

Doch reden wir über Geld: Zwischen 1994 und 2014 führte Gates die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt 15 mal an, seitdem verharrt er abgesehen von kleineren Episoden (etwa durch seinen Silicon Valley-Kollegen Jeff Bezos) ungeschlagen an der Spitze. 2017 wurde sein Vermögen auf etwa 90 Milliarden USD geschätzt. Eine Dimension, in der man durchaus die Frage stellen kann, was man mit dem Geld noch so anfangen kann. Und so wandte sich Gates 2009 seinem erklärten Ziel der größtmöglichen Philanthropie zu und gründete “The Giving Pledge” (deutsch “das Versprechen, etwas herzugeben”). Die Kampagne dient dem Zweck, insbesondere den besonders gut betuchten Teil der Weltbevölkerungen zu substantiellen gemeinnützigen Spenden zu motivieren. Und das mit Erfolg: Schon über 130 Milliardäre haben sich unverbindlich dazu verpflichtet, große Teile Ihres Vermögens zu spenden, etwa Mark Zuckerberg, George Lucas oder Michael Bloomberg.

Neulich im Club der Milliardäre

Gates nahm allerdings schon weitaus früher handfest Einfluss auf Das Wohl Aller™, anstatt “nur” über die Versprechensbekundungen der Reichsten der Reichsten, mindestens ihr halbes Vermögen zu spenden. Bereits 1994 gründete er die ursprünglich noch nach seinem Vater benannte Stiftung, die heute als “Bill & Melinda Gates Foundation” mit einem Stiftungsvolumen von etwa 50 Mrd. USD zur größten Privatstiftung der Welt avanciert ist, nicht zuletzt durch Großspender wie Warren Buffet. In Investitionsfeldern wie Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft wird hier einiges bewegt – mit der Maßgabe, sich vornehmlich den Problemen zuzuwenden, die von Regierungen und Institutionen tendenziell keine große Beachtung finden.

Hehre Ziele zwar, dennoch ist die Stiftung nicht frei von Kritik: So wurden 2007 Investments in diverse Firmen offenbar, deren Ignoranz für Themen wie Armut, Umweltverschmutzung und Gleichberechtigung den Zielen der Stiftung eigentlich diametral entgegenstanden – etwa ein Pharmaunternehmen, das sich weigerte, seine Produkte auch in Entwicklungsländern anzubieten. Der Eklat führte zu einer Überarbeitung der Investment-Richtlinien und einer genauen Auswertung der bisherigen Partnerschaften – und seitdem lief es glänzend für die Stiftung: Fast eklatfrei seit 2007.

Bill Gates Flower Fly, Eristalis gatesi
Die Bill Gates Flower Fly, zu Deutsch ganz lyrisch: Mistbiene. Quelle: Wikimedia.

Mistbiene, Ritterschlag, Medal of Honor – in dieser Reihenfolge

Glänzend läuft es im Übrigen auch für die Person Bill Gates im öffentlichen Ansehen: Biologen benannten 1997 eine Mistbiene nach ihm (Eristalis gatesi). Laut Time Magazine war er zusammen mit Melinda Gates und Bono Person of the Year 2005 und eine der Personen mit dem größten Einfluss auf das 20. Jahrhundert. Die Queen schlug ihn zum Ritter. Obama verlieh ihm die Presidential Medal of Freedom, eine der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen des Landes. Zusammen mit Melinda galt er 2016 als einer der potenziellen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft im Falle eines Clinton-Wahlsiegs.

So füllt sich die biographische Pralinenschachtel von Gates immer weiter mit interessantem Konfekt. Das muss nicht jedem schmecken, bemerkenswert ist es aber in jedem Fall. Und damit schließen wir an dieser Stelle die Akte des Bill Gates. Man darf gespannt sein, wie sie sich noch entwickelt.