Irgendwo mitten im Internet

Ausgeklinkt!?

gepostet von am

Smartphone-Fans jubeln: Endlich hat auch Samsung Courage bewiesen. Denn den frisch vorgestellten Flaggschiffen, Galaxy Note 10 und 10+, streicht man den 3,5-mm-Kopfhöreranschluss – und folgt damitdem schlechten Beispiel eines ganzenen Trosses von High-End-OEMs. Das letzte Dorf im Gallien der Klinkenunterstützung ist damit gefallen. Ein kleiner Rant über eine Innovation, die Apple gerne für sich hätte behalten dürfen.

Trauriger Smiley aus Klinkensteckern
Headphone Jack ist traurig, und der Autor ist es mit ihm. Montage: DM.

Eine Geschichte uninspirierter Ausreden

Das Übel beginnt 2016. Und wie hätte es anders sein können: Die Streichung des Klinkenanschlusses ist keine originäre Innovation von Apple. Der chinesische Smartphone-Hersteller LeEco (ehemals LeTV) stellt mit seinem Android-Phablet “Le Max 2” ein klinkenloses Smartphone vor und propagiert die Vorzüge von USB-Audio: Verlustfreie Audio-Formate wie FLAC würden nicht mehr durch den (analogen) Flaschenhals der Klinke samt Hardware-basierter Komprimierung in Mitleidenschaft gezogen, zudem war für Kopfhörer und Headsets mit aktiver Geräuschunterdrückung kein eigener Akku mehr nötig – den Strom lieferte USB gleich mit. Das war ideell weit gedacht, sorgte aber für so manche kurzfristige Zumutung: Kaum Kopfhörer unterstützten nativ USB-C und wenn dann nur für satte Aufpreise. Traditionalisten, die nicht auf ihre “alten” HiFi-Schätzchen verzichten wollten, mussten ins #adapterlife einsteigen, das sonst eigentlich den Nutzern des damals noch jungen 12-Zoll-MacBooks vorbehalten war. Das Smartphone aufladen und gleichzeitig Musikhören? Pustekuchen! Mittlerweile muss man sich schon “Gaming-Smartphone” schimpfen, damit man diese alteingesessene Funktionalität noch rechtfertigen kann – RGB war gestern.

Nur Plastik, wo ein Klinkenanschluss war.
Wo ein Feature steckte, steckt jetzt nur noch Plaste.

Hat da jemand “Dann benutzt halt Bluetooth-Kopfhörer!” gerufen? Nun, diese Geräteklasse mag heute ubiquitär sein, damals sah das aber noch anders aus. Die Verbreitung hielt sich noch in Grenzen, Cupertino musste sie mit der Klinkenstreichung im knapp 70 Millionen mal verkauften iPhone 7 erst weithin salonfähig machen. Und auch heute sind damit noch Probleme verbunden: Ein weiteres Gerät, das aufgeladen werden muss und einem in kritischen Momenten den Dienst versagen kann und – seien wir ehrlich – auch wird. Gerade auf Langstreckenflügen und Bahnfahrten in besonders vokaler Gesellschaft geht einem gerne mal der Saft aus. Ein weiteres Gerät, dass mit Lithium und Co. auf seltene Erden angewiesen ist und durch fest verbaute Akkus zum planbaren Wegwerfobjekt wird. Das mögen alles Randphänomene sein (oder zumindest solche, die man für ein techno-ethisch gutes Gewissen hervorragend ausblenden kann), dennoch sind es alles Randphänomene, die sich mit der Implementierung eines wenige Cent teuren Steckers mit jahrzehntelanger Marktetablierung problemlos weiterhin vermeiden ließen – gerade, wenn man für die betreffenden Endgeräte gerne einmal mehr zahlt, als für einen tonnenschweren Doppeltür-Kühlschrank mit Festwasseranschluss und IoT-Funktionen.

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück

Klar: Fortschritt ist immer etwas feines. Und ohne Mut zur Wegbereitung kann es keinen Fortschritt geben. Also entwickelt gerne neue Übertragungstechnologien auf dem Weg zum komplett port- und kabellosen Smartphone, aber bitte, liebe Hersteller, löst die dadurch entstehenden – in diesem Falle ja auch voll absehbaren – Probleme vorher. Und versucht nicht, die Nutzerschaft gegen die unnötigen negativen Folgen abzustumpfen. Smartphones sind die Schweizer Taschenmesser des digitalen Lebens. Es gibt kaum noch etwas, das sie nicht nativ eh schon beherrschen oder für das es dann nicht zumindest “eine App gibt”. Wenn Platz für einen versenkbaren Touchscreen-Stift mit eigener Batterie und explodierende Riesenakkus ist, dann ist auch noch irgendwo Platz für einen 3,5 x 10 mm messenden Anker in die Vergangenheit, dessen Existenz nun wirklich niemandem wehtut. Seid so mutig, zeigt Courage, so manche*r würde es euch danken.