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5 Freunde auf großer Eroberung: SAP wird 46

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Im April 1972 gründeten fünf Kollegen und Freunde die “Systemanalyse und Programmentwicklung GbR”, weil ihr Arbeitgeber IBM ihnen die eigenständige Entwicklung einer Standardsoftware verweigerte. Damit schrieben sie das erste Kapitel einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, deren Meilensteine wir anlässlich des 46-jährigen Jubiläums von SAP noch einmal Revue passieren lassen.

SAP-Gründer Tschira, Plattner, Hopp, Hector
Die SAP-Gründer Klaus Tschira, Hasso Plattner, Dietmar Hopp, Hans-Werner Hector (von links nach rechts) im Jahr 1988. Zu dem Zeitpunkt bereits ausgeschieden: Claus Wellenreuther. (Foto: SAP.)

Selbst die größten Unternehmer können den Schuss mal überhören. Angesichts des schwer vergleichbaren Erfolges von SAP – dem heute größten europäischen und weltweit viertgrößten Hersteller von ERP-Software – kann man sich das Zähneknirschen in den Chefetagen von IBM vorstellen: Damals, im Jahr 1972, hätte man der Idee der fünf Entwicklerkollegen Claus Wellenreuther, Hans-Werner Hector, Klaus Tschira, Dietmar Hopp und Hasso Plattner vielleicht offener gegenüberstehen sollen.

Eine Vision, mit der alles begann: Die Abschaffung des Lochkartensystems.

Die fünf wollen eine Software für Lohnabrechnung und Buchhaltung entwickeln, die völlig ohne die damals gängige Lochkartensteuerung auskommen soll. Die Eingabe ist über Tastatur und Bildschirm vorgesehen. Bei IBM, deren Systeme auf Lochkarten basieren, sieht man offenbar keine Notwendigkeit für dieses Vorhaben. Aufgrund der mangelnden Unterstützung wagt das Quintett den Ausstieg und gründet die “Systemanalyse und Programmentwicklung GbR”, um seine Vision umzusetzen. Man geht in Freundschaft von IBM, nutzt (vielleicht auch in Ermangelung von Alternativen) weiterhin deren Rechner für die Entwicklung der Software.

Der Pilotkunde für die neue Idee ist das Nylonfaserwerk Imperial Chemical Industries (ICI). Gearbeitet wird sieben Tage die Woche direkt vor Ort bei ICI. In deren Rechenzentrum entstehen die erste Echtzeit-Software, die Datenverarbeitungsmethode OLTP (Online Transaction Processing) sowie das neuartige System RF/RM zur Zusammenführung vieler verschiedener Aufgabengebiete: Die Integration einzelner Programmmodule und Aufgaben wie der Materialwirtschaft oder der Finanzbuchhaltung vereinfacht nicht nur die Handhabung, sondern macht dank zentraler Speicherung in einer relationalen Datenbank die separate Haltung und Pflege der Daten obsolet. Die Entwickler präsentieren ihre Realtime-Lösung innerhalb von neun Monaten.

Lochkarte
Wer weiß, wie lange Lochkarten uns ohne SAP noch begleitet hätten? (Quelle: Wikimedia, CC 3.0)

Um noch einmal ein Gefühl für den technischen Stand der Zeit zu bekommen: In den frühen 1970ern waren weltweit etwa 100.000 Großrechner im Einsatz, deren Löwenanteil von IBM produziert wurde. Sie dienten zur Automatisierung der Buchhaltung, was seinerzeit hieß: Informationen und Quellcodes wurden mit Hilfe von Lochkarten verarbeitet. Datentypistinnen waren für die Übersetzung zwischen Menschen- und Maschinensprache zuständig. Diese Technik stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus einer Zeit, in der Dampfmaschinen und Webstühle eine entscheidende Rolle für den wirtschaftlichen Fortschritt spielten. Aus der Textilbranche kommen die ersten Versuche mit Lochkarten. Auch Charles Babbage, der 1837 mit seiner Analytical Engine einen der ersten Computer der Welt entwarf, sah dafür eine Steuerung über Lochkarte vor. 1890 entwickelte dann Herman Hollerith ein Lochkartenmodell mitsamt Tabelliermaschinen zur Datenerfassung für eine Volkszählung in den USA, die erstmals über die Steuerungsfunktion hinaus die Möglichkeit der Informationsspeicherung enthielt. Konrad Zuses Z-Serie der 1950er Jahre beruht genauso auf dieser Methode wie die IBM-Großrechner.

R is for Realtime: SAP RF und RM starten senkrecht

Den fünf IBM-Aussteigern ist natürlich klar: Sollte es gelingen, ein IT-System zu schaffen, das die Lochkartenmethodik ersetzen und die Erfassung der Betriebsprozesse vereinfachen würde, wäre das ein durchschlagender Erfolg, der sich auch flächendeckend verbreiten ließe. Also handeln sie mit ICI aus, dass sie ihr System, das sie als Standardsoftware konzipieren, im Anschluss weiterverkaufen dürfen. So beginnt SAP, seine Kreise zu ziehen. Zunächst überzeugt es Firmen im Umkreis des kurpfälzischen Weinheims, der Heimat der Gründer, heute ist SAP einer der bedeutendsten Softwarekonzerne der Welt. Wer in den oberen Unternehmensetagen der 1970er Jahre das Prinzip von SAP versteht, dem ist klar: Mit dem System der fünf Freunde hält er die Zukunft der Betriebsorganisation in den Händen.

Ein Jahr nach ihrer Gründung beschäftigt die SAP GbR neun Mitarbeiter, erwirtschaftet einen Umsatz von 620.000 D-Mark – doch jetzt geht es erst richtig los. Das gemeinsame Fußballspiel jeden Freitagnachmittag ist die einzige Zerstreuung, die die Düsentriebe sich erlauben. RF (für die Finanzbuchhaltung, später R/1) und RM (Einkauf, Bestandsführung, Rechnungsprüfung) werden geboren. Schließlich wird 1976 die SAP GmbH gegründet, die 25 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von knapp 4 Millionen DM erzielt. Ein Jahr später werden die ersten Auslandsaufträge angenommen. Die Firma expandiert, realisiert und innoviert. Dabei bleibt man mit IBM verbandelt, man nutzt deren Rechner und beliefert den ehemaligen Arbeitgeber schließlich sogar mit dem einst verschmähten Produkt.

IBM-Großrechner
Moderne in der Retrospektive: Arbeit an einem IBM-Großrechner, wie er in den 1970ern zur Entwicklung der SAP-Systeme diente. (Quelle: Wikimedia, CC 3.0.)

Die Achtziger starten für die Gründer Wellenreuther, Hector, Tschira, Hopp, Plattner und SAP mit einem Messeauftritt bei der “Systems” in München, bei der sie ihr System R/2 vorstellen. Mit Assembler und später ABAP programmiert, läuft es auf den Betriebssystemen MVS/VSE von IBM und BS2000 von Siemens. Im Unternehmen überschlagen sich in gewohntem SAP-Tempo die Ereignisse: Zum zehnjährigen Jubiläum sind rund 250 Konzerne schwer an SAP-Lösungen interessiert. Einer der fünf Gründer, Claus Wellenreuther, verlässt das stets wachsende Unternehmen. Internationale Aufträge werden von der 1984 in der Schweiz gegründeten SAP (International) AG aus gesteuert. Weitere Niederlassungen entstehen bald darauf in Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Spanien. 1988 folgt der Börsengang in Deutschland, Landesgesellschaften in Dänemark, Schweden, Italien und den USA kommen hinzu, SAP wird vom Manager Magazin zum Unternehmen des Jahres gekürt. Gegen Ende des Jahrzehnts geht die Ära der Großrechner zu Ende und bietet eine neue Herausforderung, die für SAP den endgültigen Durchbruch bedeuten soll.

SAP für den Mittelstand: Konichiwa, R/3

Auf den Übergang zu Client-Server-Architekturen ist man im Unternehmen vorbereitet: SAP R/3 befindet sich schon seit den späten 1980ern in der Entwicklungsphase, was für SAP den Durchbruch auch bei mittelständischen Unternehmen bringen soll. Dank Vorzugsaktien-Ausgabe kann das Unternehmen mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren, das dort bestens angelegt ist: Auf der CeBIT 1991 in Hannover wird R/3 präsentiert. Da der neue AS/400-Server von IBM den Anforderungen von R/3 nicht standhält, wird für die neue Software auf Unix- und Oracle-Datenbanken umgestellt.

Derart neu aufgestellt ist SAP in der Lage, seine bahnbrechende Lösung für den Mittelstand vorzustellen. Neue Märkte eröffnen sich: SAP bricht nach Osteuropa und Japan (mit R/3 in Kanji-Schrift), China und Mexiko auf und zieht in der Nähe des Silicon Valley das erste seiner mittlerweile 16 Entwicklungszentren in 13 Ländern hoch. 1994 wird R/3 auf Windows NT marktreif, bereits einen Monat später beginnt die Produktivnutzung. Umsatztechnisch bewegt man sich nun bei 1,8 Milliarden DM im Jahr, von denen mehr als ein Drittel aus den USA stammen. Über 5.000 Mitarbeiter können beschäftigt werden. Zu den Kunden zählen Burger King, die Telekom und Coca-Cola; immer wieder gewinnt SAP Auszeichnungen zum Unternehmen des Jahres. Man setzt auf die Kooperation mit Systemhäusern. 1996 wird die gemeinsame Online-Strategie mit Microsoft verkündet, anhand derer Internet-Anwendungen über offene Interfaces mit R/3 gekoppelt werden können. Internationale Kundenveranstaltungen wie die SAPPHIRE ziehen immer neue Interessenten heran.

ABAP in Kanji
Funktioniert auch in Kanji: Der ABAP-Code. (Quelle: Wikimedia, CC 3.0)

Zum 25. SAP-Geburtstag gratuliert Bundeskanzler Helmut Kohl, der im benachbarten Ludwigshafen wohnt, persönlich. Die Deutsche Post AG, Daimler-Benz und General Motors gesellen sich zu den weltweit mehr als zwei Millionen SAP-Anwendern. Zwei Jahre vor der Jahrtausendwende geben Hopp und Tschira bekannt, vom Vorstand in den Aufsichtsrat unter Vorsitz Dietmar Hopps zu wechseln. Die New Yorker Börse ist die logische Konsequenz des Unternehmenserfolgs.

mySAP.com: ERP goes E-Commerce

Im neuen Jahrtausend beginnt SAP den Wandel vom Komponentenanbieter zum Lösungslieferanten auf den elektronischen Marktplätzen und Unternehmensportalen der Welt. Der Schlüssel dazu ist mySAP.com, eine umfassende Technologie für Business-Anwendungen, die eine service-orientierte Architektur (SOA) zur Integration unterschiedlichster Systeme erlaubt. Sie stellt das Bindeglied zwischen Enterprise Resource Planning und E-Commerce dar, das bald von Kunden wie MLP, dem FC Bayern München, Nestlé oder Hewlett Packard eingesetzt wird. Inzwischen erwirtschaften 20.000 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 5,1 Milliarden Euro. Es wird verstärkt auf Kundenorientierung gesetzt. In dieser Folge werden Vorstandsbereiche neu gegliedert sowie die neue deutsche Internet-Tochter e-SAP.com gegründet.

Mit NetWeaver gelingt SAP 2004 ein weiterer Geniestreich: die Integration von Drittanbietern über eine webbasierte Integrations- und Applikationsplattform mit umfangreichen Schnittstellen, die als Basis für SOA fungiert. Die gesamte ERP soll mittelfristig SOA-basiert laufen, so der neue SAP-Leiter Henning Kagermann. Zum Jahresende wenden über 1.000 Unternehmen NetWeaver an. SAP-Software ist zu diesem Zeitpunkt weltweit 84.000 mal installiert. Mit Hasso Plattner verlässt in diesem Jahr auch der letzte Gründer den SAP-Vorstand. Als Vorsitzender des Aufsichtsrates jedoch bleibt er dem Unternehmen und seinen inzwischen über 30.000 Mitarbeitern erhalten.

SAP, übernehmen Sie! Die Kooperationsstrategien der 2010er Jahre

Statt auf große Übernahmen setzt man auf die Ergänzung des eigenen Portfolios durch Aufkäufe von kleineren Spezialdienstleistern wie Khimetrics, OutlookSoft oder Wicom. Und auf Kooperation: Mit “Duet” kommt die erste gemeinsame Entwicklung von SAP und Microsoft auf den Markt. Sie ermöglicht die einfache und schnelle Integration von MS-Office-Programmen mit SAP-gestützten Geschäftsprozessen. Die ersten 200.000 Lizenzen gehen in den ersten drei Monaten über den globalen Ladentisch. Mit SAP All-In-One und SAP Business One wird der Mittelstand erobert. SAP Business ByDesign soll den Markt der kleinen und mittleren Unternehmen eröffnen.

Eine wichtige Übernahme findet 2008 mit dem französischen Business Intelligence-Dienstleister Business Objects statt. Die erneute Portfolio-Erweiterung bringt SAP bald die Marktführung in den Bereichen Unternehmenssoftware, Enterprise Performance Management und B.I. ein. Außerdem veröffentlicht das Unternehmen seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht und stellt seinen Kunden ebenfalls die IT zur Seite, die sie bei der Optimierung der eigenen Nachhaltigkeit unterstützt.

Verluste in der Krise, Durchbruch mit HANA, erste Frau im Vorstand

Anders als im Jahr 2000, als das Platzen der New Economy-Blase für SAP nicht mehr als ein entferntes “Plopp” bedeutete, ist man während der weltweiten Finanzkrise 2009 gezwungen, 3.000 Mitarbeiter zu entlassen und weitere Kosteneinsparungen einzuleiten. Auf diese Weise gelingt der planmäßige Launch der Business Suite 7. Unter dem neuen Vorstand Leo Apotheker wird gesellschaftliches Engagement weiterhin groß geschrieben. So unterstützt SAP die Klimainitiative der Vereinten Nationen. Zum Ende des Jahrzehnts werden CTO Vishal Sikka und Angelika Dammann – als erstes weibliches Mitglied – in den Vorstand berufen. Mit der Übernahme von Sybase wird ein wichtiger Expertenstab für den mobilen Markt gewonnen.

Die SAP-Plattform HANA ebnet nun den steilen Weg in die nächste Dekade. Dank innovativer In-Memory-Technik können mit HANA komplexe Big Data-Analysen in Echtzeit stattfinden. Auf dieser Basis werden in den SAP Labs Produkte für 98 der 100 wertvollsten Marken der Welt hergestellt. Die komplette Business Suite wird auf HANA umgestellt.

Durch Übernahme von Ariba, einem Pionier im Feld der cloudbasierten Netzwerke sowie hybris, einem führenden Anbieter von E-Commerce-Technologien, ist SAP in der Lage, seinen Anwendern eine zukunftsträchtige E-Commerce-Plattform bereitzustellen, die vor Ort und in der Cloud nutzbar ist und so die Anforderungen des modernen Online Marketings umfassend erfüllt. Passend dazu setzt der Konzern auf Verjüngung und Imagewechsel. Rund um den Globus werden “AppHäuser” als Magneten für junge Kreative errichtet, die Unternehmenskultur wird entsprechend nachgeschärft.

SAP

*Hier gibt's einen ausführlichen Überblick über alle Meilensteine von SAP




SAP – ein deutsches Gründermärchen

Die Erfolgsgeschichte von SAP sucht im Bereich der Softwareentwicklung innerhalb Deutschlands ihresgleichen und ist am besten anhand von Zahlen zu veranschaulichen: Fünf Kollegen mit einer visionären Idee avancieren zum viertgrößten Softwarehersteller der Welt. Von neun Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 620.000 DM im Jahr 1972 steigerte man sich stetig zu mittlerweile mehr als 88.500 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 23,5 Mrd. Euro 2017. Damals war die ICI die eine Firma, die den fünf Entwicklern Vertrauen und ein Rechenzentrum entgegenbrachte. Heute gibt es 12 Millionen SAP-Anwender und mehr als 378.000 Kunden in über 180 Ländern. Die Cloud wird gar von 110 Millionen Menschen abonniert.

Wir könnten noch lange weiter mit Zahlen jonglieren – aber in jedem Fall wird klar, dass wir es bei SAP mit einem wahrhaft globalen Märchen zu tun haben, das für fünf Freunde aus dem Rhein-Neckar-Kreis in Erfüllung gegangen ist.